Abschnitt 8

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Am Abend ging Hans Castorp noch einmal hinauf in die Bibliothek, über den Leuchter.

Er trat ans Geländer und sah hinunter in die Halle, die Bühne des Kommens und Gehens, und er sah, wie Menschen kamen, wie Menschen gingen, wie Menschen standen, wie Menschen warteten. Ein Hotel ist ein Modell der Welt, weil es uns zeigt, was wir sind: temporär.

Der Leuchter hing da, dieser große Ring, und Hans Castorp dachte, dass er ihm früher wie ein Auge vorgekommen war – und dass er ihm jetzt wie etwas anderes vorkam: wie eine Frage.

Kann man Zeit erzählen?

Kann man Ende erzählen?

Oder erzählt man nur Bewegung?

Er setzte sich an einen Tisch, zog sein Notizbuch heraus, legte es auf die Holzplatte, als wolle er dem Holz, diesem alten Material, etwas anvertrauen, das nicht auf ein Display gehört.

Er nahm das Holzstäbchen.

Er schrieb, langsam, und die Schrift war nicht schön, nicht professionell, nicht schaffend im Gustav’schen Sinn.

Aber sie war da.

Er schrieb:

bestforming ist eine Übergangsform.

Er hielt inne.

Er schrieb:

Man kann sich verbessern, um gehen zu können.

Er hielt inne.

Er schrieb, und jetzt wurde die Schrift ein wenig schiefer, als würde der Satz schwerer:

Man kann nicht gehen, wenn man immer bleibt.

Er klappte das Buch zu.

Er steckte das Holzstäbchen ein.

Er stand auf.

Und jetzt, verehrte Leserin, verehrter Leser, kommt der Moment, in dem man, als Erzähler, eine Unanständigkeit begehen muss: Man muss aufhören, weil man sonst nie aufhört. Ende ist immer willkürlich. Ende ist immer eine Setzung. Ende ist immer ein Schnitt in einen Kreis.

Hans Castorp ging hinunter.

Er ging durch die Halle.

Er ging an der Schrift vorbei.

Er ging hinaus.

Draußen lag, am Rand des Pflasters, der orange Rettungsring, halb im Gras, halb im Kies, und auf ihm stand – in schwarzer Schrift, freundlich, markenhaft – der Name des Hauses, als müsse selbst die Rettung gebrandet sein.

Hans Castorp blieb stehen.

Er sah den Ring.

Er sah den Ring in seiner Tasche.

Er sah den Kreis am Himmel nicht – der Himmel ist kein Kreis, er ist ein Abgrund –, aber er spürte, dass Kreise sich überall finden, wenn man sie sucht.

Er nahm den Finger-Ring heraus.

Er hielt ihn in der Hand.

Er hätte ihn wegwerfen können.

Er hätte ihn tragen können.

Er tat etwas Drittes, das so unspektakulär ist, dass es beinahe lächerlich wirkt – und gerade deshalb menschlich.

Er steckte ihn wieder ein.

Nicht als Gott.

Nicht als Göttin.

Nicht als Auge.

Als Ding.

Als Ding, das er mit einer Zeichnung, die ihm bereits im Kopf vorschwebte, und die er nicht einem Holzstäbchen oder einem anderen verwischenden Ding anzufertigen gedachte, zu einem Werk.

Ein Werk aus einem Ding und einer Zeichnung, dachte er und lächelte. Es war ein ehrliches Lächeln, und kein unerquickliches.

Dann ging er weiter.

Hinab.

Wohin er ging, verehrte Leserin, verehrter Leser, wissen wir nicht. Vielleicht in ein Tal, das ihn verschluckt. Vielleicht in eine Ordnung, die ihn endlich registriert. Vielleicht in eine Schuld, die er nicht mehr umgeht. Vielleicht in ein Leben, das nicht kuratiert ist. Vielleicht in die allgemeine Angelegenheit, die man nicht optimieren kann.

Aber er ging.

Und das war – unerquicklich genug – sein erster wirklicher Fortschritt.

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