Abschnitt 7

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Am nächsten Tag – denn natürlich gibt es immer einen nächsten Tag, auch nach dem Sterben im Stehen, und dieser nächste Tag ist die eigentliche Bosheit der Zeit – traf Hans Castorp Morgenstern.

Er traf ihn nicht in einem dramatischen Moment, nicht in einer großen Szene; er traf ihn, wie man Menschen in Hotels trifft: im Flur, zwischen Türen, zwischen Programmpunkten.

Morgenstern trug einen Rucksack, und neben ihm gingen zwei Kinder, die sich stritten, nicht laut, aber mit jener Intensität, die Kinder besitzen, wenn sie etwas Wichtiges verhandeln: wer zuerst drücken darf, wer zuerst laufen darf, wer zuerst leben darf.

Morgensterns Frau ging neben ihnen, ruhig, aber nicht müde.

Hans Castorp sah, wie Morgenstern – ganz selbstverständlich – einen Schritt so machte, dass er zwischen Kind und Frau war, nicht als Schutzschild, sondern als Teil des Teams. Partnerschaftlichkeit als Gangart.

Morgenstern sah Hans, und in seinem Gesicht lag ein kurzes Erschrecken, als sei Hans’ Rückkehr eine Erinnerung daran, dass Kreise wirklich schließen.

„Sie sind wieder da“, sagte er.

Hans Castorp nickte.

„Ja“, sagte er.

Morgenstern sah auf Hans’ Hand.

„Der Ring?“ fragte er.

Hans Castorp hob die Hand.

Der Ring war nicht mehr am Finger.

Nur der helle Abdruck war da, ein dünner Kreis auf Haut.

Morgenstern lächelte.

„Sie haben…“ begann er.

„Ich habe ihn abgenommen“, sagte Hans.

Morgenstern nickte, und in diesem Nicken lag etwas, das wie Respekt war – nicht das große, moralische Wort, sondern die kleine, praktische Anerkennung: jemand hat etwas Schweres getan.

„Ich habe auch etwas abgenommen“, sagte Morgenstern.

„Was?“ fragte Hans.

Morgenstern zögerte einen Moment, sah auf seine Kinder, auf seine Frau, und sagte dann, leise, als sei es ein Geständnis:

„Einen Blutegel“, sagte er.

Hans Castorp sah ihn an.

„Und?“ fragte er.

Morgenstern lächelte kurz.

„Es hat gebissen“, sagte er. „Aber es hat…“ Er suchte nach einem Wort, das nicht pathetisch ist, und fand, wie Menschen es finden, die langsam denken: „…geholfen.“

Hans Castorp nickte.

Er dachte: Das ist System 2. Nicht das große Denken. Das kleine Handeln.

Morgenstern sah ihn an.

„Und Sie?“ fragte er.

Hans Castorp zögerte.

Er dachte an Gustav.

Er dachte an Kautsonik.

Er dachte an die Schrift an der Wand.

Er sagte, weil es das Einzige war, was nicht gelogen war:

„Ich gehe“, sagte er.

Morgenstern blinzelte.

„Wohin?“ fragte er.

Hans Castorp lächelte.

„Hinab“, sagte er.

Morgenstern sah ihn an, lange, und in seinem Blick lag ein Verständnis, das nicht aus Begriffen kommt, sondern aus Angst und Liebe.

„Freude dem, der geht“, sagte Morgenstern leise.

Hans Castorp nickte.

„Ja“, sagte er. „Freude dem, der geht.“

Er wusste nicht, ob es Freude war.

Aber er wusste, dass es Bewegung war.

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