Die Rückreise ist unerquicklich zu erzählen, weil Reisen in der Moderne so wenig erzählen. Man sitzt, man fährt, man ist. Der Körper wird transportiert, und der Geist versucht, nachzukommen. Hans Castorp sah Landschaften, die flacher wurden, sah Felder, die sich wie Tabellen ausbreiteten, sah Städte, die wie Datencluster wirkten. Er sah Menschen, die schliefen, die schauten, die auf Displays starrten, und er dachte, dass die Gedankenautobahn, von der Dr. AuDHS erzählt hatte, nicht unten ist, sondern überall.
Im Zug nahm er das Notizbuch heraus.
Er schrieb nicht viel.
Er schrieb: Schreiben ist langsam.
Und darunter: Langsam ist System 2.
Er lächelte.
Es war kein fröhliches Lächeln.
Es war ein verständiges.
Dann schlief er, ein wenig, kurz, nicht tief, aber ohne Zahlen.
Das war, für ihn, Fortschritt.
Als er wieder oben ankam – denn ja, er kam wieder oben an; der Kreis zieht einen zurück, wie ein Magnet –, war die Luft kalt.
Nicht venezianisch klebrig, sondern bergklar, fast unhöflich. Es war, als ob die Höhenluft sagen wollte: Hier gibt es keine Ausreden. Hier atmet man oder man atmet nicht.
Die Sonnenalp lag da wie ein vertrauter Betrug: Holz, Gold, rote Säulen, dieser große Ring aus Eisen, der in der Halle hing wie eine schwarze Sonne, und die Schrift an der Wand, die freundlich ist und darum unerquicklich:
Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.
Hans Castorp trat ein.
Der Leuchter brannte, obwohl es Tag war.
Unten stand der runde Tisch mit dem Wurzelholzfuß. Auf ihm Gläser. Vielleicht Stollen. Vielleicht nicht. Ordnung kennt keine Saison.
Und da stand Herr Kautsonik.
Er stand, wie immer.
Er stand so, als sei Stehen ein Amt.
Hans Castorp ging auf ihn zu.
Kautsonik sah ihn, und in seinem Blick lag etwas, das man fast Freude nennen könnte, wenn Kautsonik nicht Kautsonik wäre.
„Freude dem, der kommt“, sagte er.
Hans Castorp nickte.
„Ich bin wieder da“, sagte er.
Kautsonik lächelte, und dieses Lächeln war einen Hauch weicher als sonst.
„Man kehrt zurück“, sagte er. „Das ist auch eine Form von Treue.“
Hans Castorp spürte, wie ihm der Satz in die Brust schnitt, weil Treue, für einen Deserteur, immer ein ironisches Wort ist.
„Und Sie?“ fragte Hans.
Kautsonik hob die Schultern.
„Ich stehe“, sagte er. „Wie Sie sehen.“
Hans Castorp sah, und er sah etwas, das er früher vielleicht übersehen hätte: dass Kautsoniks Hände leicht zitterten, als hätten sie sich, nach all den Jahren des Haltens, daran gewöhnt, dass nichts ewig gehalten werden kann.
„Sie sehen…“ begann Hans.
Kautsonik hob die Hand.
„Sparen Sie sich das“, sagte er, und man hörte, dass er nicht bemitleidet werden wollte. „Guest Relations ist nicht der Ort für Diagnosen. Dafür haben wir oben die Herren Doktoren.“
Hans Castorp nickte.
Er zog das Notizbuch nicht heraus. Er zog den Ring nicht heraus. Er stand nur da, und in diesem Stehen lag, für einen Augenblick, so etwas wie Gemeinsamkeit.
„Sie waren unten“, sagte Kautsonik.
Es war keine Frage.
Hans Castorp nickte.
„Ja“, sagte er.
Kautsonik sah ihn an, lange, als prüfe er nicht den Gast, sondern den Menschen.
„Und?“ fragte er schließlich.
Hans Castorp zögerte.
Wie erzählt man Tod?
Wie erzählt man Schönheit?
Wie erzählt man die eigene Bewegung?
Er sagte, weil es das Einzige war, was nicht gelogen war:
„Es war rot“, sagte er.
Kautsonik nickte, als verstünde er, obwohl er nicht verstehen konnte.
„Rot“, wiederholte er.
Dann, ganz plötzlich, griff er nach dem Tresen, als wäre der Tresen ein Geländer.
Hans Castorp machte einen Schritt.
„Herr Kautsonik?“ sagte er.
Kautsonik lächelte, und dieses Lächeln war, für einen Moment, fast spöttisch.
„Sehen Sie“, sagte er leise. „Jetzt.“
„Was?“ fragte Hans, und er wusste es doch.
Kautsonik hob den Blick zur Schrift an der Wand.
Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.
„Es war mir recht“, sagte er.
Dann atmete er aus.
Und blieb stehen.
Nicht wie ein Gast, der umfällt.
Wie ein Dienst, der endet.
Es geschah still.
So still, dass die Halle für einen Moment noch stiller war als sonst, als hätten selbst die elektrischen Kerzen eine Sekunde lang gezögert zu flackern.
Menschen kamen.
Jemand rief nach einem Arzt.
Jemand rief nach einem Stuhl.
Ein Stuhl wurde gebracht, aber Kautsonik wollte keinen Stuhl mehr.
Hans Castorp stand da und dachte, dass Kautsonik sein Leben lang eine Form gewesen war – und dass er nun, im Sterben, diese Form nicht verlassen hatte.
Das war, wenn man streng ist, würdevoll.
Und wenn man ehrlich ist, unerquicklich.