Abschnitt 4

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Am Strand war die Welt tatsächlich einfacher.

Sand ist eine primitive Oberfläche: Er nimmt alles auf, und er behält nichts. Er ist das Gegenteil von Logbuch. Und vielleicht war es genau das, was Gustav suchte: einen Ort, der nicht registriert.

Das Meer lag da, blaugrün, und es war, als habe jemand die Farbe so eingestellt, dass sie beruhigt. Menschen lagen auf Liegen, unter Schirmen, und es war diese merkwürdige bürgerliche Nacktheit, die zugleich Freiheit und Zwang ist: Man zeigt den Körper, aber nur in den erlaubten Formen, geschniegelt, eingecremt, kontrolliert.

Hans Castorp dachte an Zieser.

„Measure what matters“, hatte Zieser gesagt.

Hier maß man nichts. Und gerade das war, vielleicht, das Problem.

Gustav setzte sich, nicht auf eine Liege, sondern auf einen Stuhl, als brauche er die Form noch.

Er sah hinaus.

Hans setzte sich neben ihn.

Eine Weile sagten sie nichts.

Dann, am Rand ihres Blickfeldes, ging eine Gestalt vorbei – eine erwachsene Gestalt, jung vielleicht, aber nicht kindlich, mit jener natürlichen Eleganz, die nicht bewusst ist und gerade deshalb wirkt wie etwas Unmoralisches. Sie trug einfache Kleidung, aber die Art, wie sie ging, hatte etwas von Musik: Rhythmus ohne Anstrengung.

Hans Castorp sah es.

Er sah auch, wie Gustav es sah.

Und hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, muss man vorsichtig sein. Denn Tod in Venedig ist ein Text, der uns gelehrt hat, wie gefährlich es ist, Schönheit mit Begehren zu verwechseln, und wie schnell der moralische Abgrund sich öffnet, wenn man die Ästhetik nicht in ihre Grenzen weist. Hans Castorp war nicht Aschenbach, und Gustav von A. war es doch ein wenig. Aber was Gustav hier fühlte, war nicht Begierde im rohen Sinn; es war etwas, das bei Schaffenden oft den Platz der Begierde einnimmt: die Verehrung der Form.

Er flüsterte etwas.

Hans verstand es nicht.

„Was?“ fragte er.

Gustav antwortete nicht.

Er sah weiter, und Hans bemerkte, wie Gustav die Hand an die Stirn legte, als wolle er sich schützen – nicht vor der Sonne, sondern vor einem Gedanken.

Dann geschah es, ohne Theater, ohne Pathos.

Gustav atmete aus.

Es war kein dramatisches Keuchen, kein Sturz. Es war, als ließe jemand einen Faden los.

Sein Kopf sank ein wenig nach vorn.

Hans Castorp sah es erst nicht. Er sah nur, dass Gustav still war.

„Gustav?“ sagte er.

Gustav antwortete nicht.

Hans legte ihm die Hand an den Arm.

Der Arm war warm. Zu warm.

„Gustav“, sagte Hans noch einmal, und jetzt war ein Ton in seiner Stimme, den er aus dem Krieg kannte, ohne ihn je ausgesprochen zu haben: der Ton, der sagt, dass etwas nicht mehr rückgängig ist.

Gustav öffnete die Augen.

Sie waren nicht klar.

Sie waren auch nicht angstvoll.

Sie waren – und das war das Ungeheuerliche – müde.

„Es ist…“, begann Gustav, und der Satz blieb stecken, wie ein Satz, der nicht mehr geschrieben werden kann.

Hans beugte sich vor.

„Hilfe“, sagte er, und das Wort war klein.

Ein Rettungsschwimmer kam.

Ein Mann in uniformierter Lässigkeit, trainiert, braun, geschniegelt, als wäre auch Rettung hier ein Service. Er kniete, er legte Hand an, er sagte Dinge, die man in solchen Fällen sagt, damit die Umstehenden das Gefühl haben, es gibt ein Protokoll.

Hans Castorp sah das alles wie durch Glas.

Dann, verehrte Leserin, verehrter Leser, sah er etwas, das er nie wieder vergessen würde.

Nicht, weil es so schrecklich war, sondern weil es so unscheinbar war.

Ein wenig Flüssigkeit trat Gustav aus dem Mund, als wolle der Körper etwas loswerden.

Es war nicht viel.

Aber es war rot.

Nicht theatralisch rot, nicht literarisch.

Ein kleines, reales Rot.

Und es floss, ganz langsam, über Gustavs Kinn, fiel auf den Sand, und der Sand nahm es auf, ohne Kommentar.

Rotes Wasser.

Rotes Leben.

Roter Hinweis.

Hans Castorp dachte an Hibiskus.

Er dachte an Stollenpuder, der wie Schnee wirkt.

Er dachte an Lilien.

Und er dachte: Das ist die Wahrheit, die keine Empfehlung braucht.

Der Rettungsschwimmer sah Hans an, kurz, professionell.

„Mi dispiace“, sagte er.

Es tut mir leid.

Und Hans Castorp, der Empfindungsmensch, spürte, dass dieses „mi dispiace“ die einzige Moral ist, die die Welt im Angebot hat.

Gustav von A. starb.

Nicht in einem großen Akt.

Nicht mit einem Satz, der sich zitieren lässt.

Er starb, wie Menschen sterben: in einem Protokoll, das zu spät kommt.

Hans Castorp saß da, und er merkte, dass sein Ring an seinem Finger weiterzählte.

Er zählte Schritte.

Er zählte Herzschläge.

Er zählte – und das ist die Komik, die an den Rand des Abgrunds führt – er zählte, als sei Zählen eine Form von Begreifen.

Der Ring wusste nichts.

Und gerade darum war etwas geschehen.

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