Abschnitt 3

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Sie gingen hinaus.

Venedig war am Vormittag schon voller Menschen, und es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie sehr Menschenmassen in schönen Städten immer ein wenig wie Ameisen wirken: Sie tragen Kameras statt Körner, sie tragen Gelato statt Eier, sie tragen Selfie-Sticks statt Stöcke, und sie glauben doch, sie seien Individuen. Hans Castorp ging neben Gustav, und er spürte, wie er in dieser Menge zugleich unsichtbar und gefährdet war: Unsichtbar, weil er einer von vielen war; gefährdet, weil jeder Blick, der ihn wirklich sieht, sein Alias treffen könnte.

Gustav trug – und das war die Komik – einen Hut.

Nicht einen praktischen, sondern einen Hut als Geste, als Rückgriff auf eine Zeit, in der man sich in der Öffentlichkeit nicht ohne Form zeigte. Er hatte, wie Hans bemerkte, auch ein wenig Farbe im Gesicht: nicht plump, nicht grotesk, sondern so, dass es wie Gesundheit wirkte. Ein Hauch. Eine Korrektur. Eine Maske.

„Sie sind geschniegelt“, sagte Hans, ohne zu wissen, warum er es sagte.

Gustav lächelte.

„Man muss“, sagte er. „In dieser Stadt fällt man sonst auf. Und Auffallen ist gefährlich.“

Hans Castorp dachte: Sagt der Mann, der sich verjüngt, um nicht aufzufallen. Es ist immer das Gegenteil.

Sie kamen an einem Kanal vorbei, und Hans blieb stehen.

Das Wasser war nicht rot. Nicht wirklich.

Es war grünlich, wie es immer ist, mit jener schmutzigen Schönheit, die Venedig besitzt: schön, weil es leuchtet; schmutzig, weil man weiß, was darin ist. Aber an der Kante, dort, wo die Sonne den Stein küsste, zog sich ein dünner Film, ein Streifen, der aussah, als hätte jemand etwas hineingegossen: ein rötlicher Schimmer, wie Wein, der sich im Wasser verliert.

Hans beugte sich vor.

Er roch wieder dieses Chemische.

„Das ist es“, sagte er.

Gustav sah nur kurz hin, als wolle er sich nicht zu lange mit Warnzeichen beschäftigen.

„Das ist alles“, sagte er.

„Was?“ fragte Hans.

Gustav machte eine kleine, elegante Handbewegung.

„Ein Hinweis“, sagte er. „Ein Wink. Ein dramaturgisches Element. Die Stadt ist ein Roman, und jeder Roman braucht ein Motiv.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie machen Witze“, sagte er.

Gustav lächelte.

„Nein“, sagte er. „Ich beschreibe. Witze wären harmloser.“

Hans Castorp schwieg.

Sie gingen weiter, und Hans bemerkte, wie in den Seitengassen Männer standen, die mit Schläuchen den Boden spritzten. Das Wasser, das sie spritzten, war klar, aber auf dem Stein blieb ein rötlicher Schimmer, als hätte man dem Schmutz Farbe gegeben, damit er als Reinigung erscheint.

Reinigung als Inszenierung.

Das war, dachte Hans, vielleicht das modernste Prinzip überhaupt.

In einem kleinen Laden, der Masken verkaufte – weiße, schwarze, goldene, mit Federn, mit Glitzer, mit jenen lächerlichen, übertriebenen Augenbrauen, die Masken so gern haben –, blieb Gustav stehen. Er betrachtete eine Maske, die alt aussah, als sei sie wirklich aus einer anderen Zeit, und Hans sah, wie Gustav, der Mann der Sätze, plötzlich still wurde.

„Sie sehen müde aus“, sagte Hans.

Gustav drehte den Kopf.

„Natürlich“, sagte er. „Müdigkeit ist das, was man spürt, wenn man merkt, dass die Maske schwer wird.“

Hans Castorp spürte, wie der Ring an seinem Finger warm war, als sei auch er eine Maske.

„Gehen wir an den Lido“, sagte Gustav plötzlich.

Hans zögerte.

„Warum?“ fragte er.

Gustav sah ihn an, und in seinem Blick lag – und das war die gefährliche Schönheit – ein Moment von kindlicher Bitte.

„Weil dort“, sagte er, „alles einfacher ist. Wasser, Sand, Horizont. Keine Gassen. Keine Gerüche. Keine Gerüchte. Nur…“ Er suchte wieder nach einem Wort. „…nur das.“

„Nur“, dachte Hans. Es gibt kein „nur“. Aber er ging.

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