Abschnitt 2

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Im Frühstücksraum saß Gustav von A.

Er saß nicht am Fenster, weil er nicht der Mann war, der Aussicht brauchte; er saß an einem Tisch, der so stand, dass er sehen konnte, wer eintrat. Kontrolle ist auch eine Form von Ästhetik, und Gustav hatte, wie alle Schaffenden, die sich einen Namen gemacht haben, eine besondere Beziehung zur Kontrolle: Sie ist das, was man braucht, um aus innerem Chaos Form zu machen.

Er sah auf, als Hans kam, und lächelte.

Das Lächeln war, wie so oft bei ihm, nicht warm, sondern korrekt – und gerade deshalb hatte es etwas Rührendes. Denn Korrektheit ist oft nur die Form, in der Menschen ihre Zärtlichkeit verstecken, wenn sie sich schämen.

„Sie sind früh“, sagte Gustav.

Hans Castorp setzte sich.

„Ich…“ begann er, und merkte, wie unerquicklich es war, in einer Stadt, die von Schönheit lebt, über Schlaf zu sprechen.

Gustav sah auf den Ring an Hans’ Hand.

„Der kleine Spion“, sagte er leise.

Hans Castorp blickte auf seine Hand, als hätte er vergessen, dass sie da ist.

„Er hat gesagt“, sagte Hans, und man hörte, wie lächerlich es ist, das zu sagen, „dass mein REM…“

Gustav hob die Hand.

„Sparen Sie sich das“, sagte er, und es klang nicht hart, sondern müde. „Venedig ist nicht der Ort für Kennzahlen. Venedig ist der Ort für…“ Er machte eine kleine Pause, suchte nach einem Wort, und man sah, wie er, der Mann der Worte, plötzlich ratlos wurde. „…für Fehler.“

Hans Castorp schwieg.

Der Kellner stellte Kaffee hin, stellte etwas Süßes hin, stellte Wasser hin. Das Wasser im Glas sah klar aus. Zu klar. Als müsse es sich beweisen.

„Haben Sie es gehört?“ fragte Hans schließlich.

Gustav hob eine Braue.

„Was genau?“ fragte er, als wüsste er es längst und wolle Hans nur dazu bringen, es auszusprechen. Das ist eine Form von Pädagogik, die Schriftsteller oft besitzen: Sie lassen andere die Wahrheit sagen, um selbst nicht schuld zu sein.

„Die Empfehlung“, sagte Hans.

Gustav lächelte.

„Ah“, sagte er. „Die Empfehlung.“

Er sprach das Wort wie ein altes Bekanntes.

„Man empfiehlt, die Stadt zu verlassen“, sagte Hans.

Gustav rührte in seinem Kaffee, als wäre das die harmloseste Nachricht der Welt.

„Man empfiehlt vieles“, sagte er.

„Und das Rote…“, sagte Hans, und spürte, wie er in einen Ton geriet, den er von Dr. AuDHS kannte: den Ton, in dem man Dinge ordnet, um nicht zu fühlen. „Das rote Wasser. Man sagt…“

Gustav sah ihn an.

„Das Wasser ist heute alles“, sagte er. „Man kann ihm jede Farbe geben. Man kann es grün machen, damit es idyllisch ist. Man kann es blau machen, damit es auf Displays passt. Man kann es rot machen, damit es dramatisch wirkt.“

„Sie glauben also, es ist Theater?“ fragte Hans.

Gustav zuckte mit den Schultern.

„Alles ist Theater“, sagte er. „Nur die Kulissen wechseln.“

Hans Castorp hörte es, und er fühlte – und das war der Tonio-Stich, der in ihm immer tiefer arbeitete –, wie in diesem Satz eine Sehnsucht lag: die Sehnsucht, dass, wenn schon alles Theater ist, man wenigstens die Rolle gut spielen möge. Tonio Kröger, hätte er neben ihnen gesessen, hätte vielleicht gelächelt und gedacht: Der Künstler verachtet das Bürgertum, und er beneidet es. Und der Bürger beneidet den Künstler, und er verachtet ihn. Sie sind Zwillinge.

„Ich will gehen“, sagte Hans plötzlich.

Es war ein kurzer Satz. Ein Stich.

Gustav hielt inne.

„Natürlich wollen Sie gehen“, sagte er leise. „Sie sind ein Mann, der gelernt hat, zu gehen.“

Hans Castorp spürte, wie ihm das Wort „Deserteur“ durch den Kopf schoss, und er hasste es, weil es nicht nur Anklage, sondern auch Wahrheit ist.

„Und Sie?“ fragte er.

Gustav sah in seinen Kaffee.

„Ich bleibe“, sagte er.

Hans Castorp lachte kurz, aber es war kein Lachen, eher ein Geräusch.

„Warum?“ fragte er. „Wozu?“

Gustav hob den Blick.

Und jetzt, verehrte Leserin, verehrter Leser, sah man etwas, das man bei ihm selten sieht: nicht Maske, nicht Korrektheit, nicht ironische Distanz, sondern einen kleinen Riss, durch den etwas Dunkles blickte.

„Weil ich muss“, sagte er.

„Müssen?“ Hans wiederholte das Wort, als sei es eine Diagnose.

Gustav nickte.

„Sie haben es doch gehört“, sagte er. „Tonio. Der Schaffende. Wenn ich nicht schaffe, bin ich…“ Er ließ den Satz offen, als könne er das Wort nicht aussprechen, ohne es wahr zu machen.

„Ein Mensch“, sagte Hans leise.

Gustav lächelte, und dieses Lächeln war bitter.

„Ein Mensch“, wiederholte er. „Ja. Und genau das ist das Problem.“

Hans Castorp schwieg.

Denn er verstand – nicht als Begriff, sondern als Empfindung –, dass Gustav von A. nicht vor einer Krankheit davonlief, sondern vor der gewöhnlichen Sterblichkeit. Und dass er, indem er blieb, sich einbildete, er könne den Tod mit Schönheit bestechen.

„Man empfiehlt Ihnen zu gehen“, sagte Hans.

Gustav lehnte sich zurück.

„Empfehlungen“, sagte er, „sind die sanfteste Form des Befehls. Aber Befehle gelten nur, wenn man ihnen gehorcht.“

„Und wenn man nicht gehorcht?“ fragte Hans.

Gustav blickte zum Fenster, als sähe er dort draußen nicht Wasser, sondern eine Figur.

„Dann“, sagte er leise, „erhält man seine Strafe.“

Hans Castorp spürte eine Kälte, obwohl es warm war.

Er dachte an den Tiger.

Er dachte an den Esel.

Er dachte an den Löwen, der sagt: Wenn du glaubst, es sei blau, dann sei es blau – und dabei doch etwas ganz anderes meint.

Und er dachte, ohne es zu wissen, dass er in diesem Moment den Löwen hörte.

Nicht draußen. Drinnen.

In sich.

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