Abschnitt 5

0:00 / 0:00

Am Nachmittag gingen sie ans Wasser.

Der Strand war nicht wild; er war organisiert. Reihen von Liegestühlen, Reihen von Sonnenschirmen, Holzstege, die den Sand in Gänge verwandelten. Man hatte, mit erstaunlicher Konsequenz, Ordnung in das Element gebracht, das von Natur aus unordentlich ist.

Hans Castorp fand es tröstlich und unerquicklich zugleich.

Er setzte sich.

Gustav von A. setzte sich ein wenig weiter rechts, so dass er die Menschen sehen konnte, die kamen, gingen, lagen, standen; so dass er zugleich Teil und Beobachter war.

Und da war sie wieder, die schöne Erscheinung.

Hans Castorp hatte sie am Vortag schon gesehen, und er hätte, wenn er ehrlich ist, nicht sagen können, was genau ihn daran so berührt hatte; denn Schönheit berührt nicht durch Inhalt, sondern durch Form. Es war eine Person – nicht mehr jung, aber jung genug, um nicht alt zu sein –, mit einer Art von Körperlichkeit, die nicht nach Sport roch, sondern nach Mühelosigkeit. Sie ging am Wasser entlang, barfuß, ruhig, als würde sie die Welt nicht betreten, sondern nur berühren. Sie trug kein auffälliges Kostüm; und gerade deshalb wirkte sie wie ein Kostüm: als sei sie die Idee von Mensch.

Gustav von A. sah sie.

Man konnte, wenn man Gustav beobachtete, sehen, wie sich in ihm etwas zusammenschob: der Blick, die Stirn, das Atmen. Er war nicht lüstern. Er war nicht sentimental. Er war – und dies ist die gefährlichste Art – ästhetisch.

Hans Castorp spürte einen leisen Widerwillen.

Nicht gegen die Erscheinung. Gegen Gustav. Gegen sich selbst. Gegen das Prinzip.

„Sie sehen wieder…“ begann er.

Gustav hob eine Hand, nicht als Abwehr, sondern als Bitte um Ruhe.

„Lassen Sie mich“, sagte er.

Hans Castorp schwieg.

Er nahm seine Thermosflasche aus der Tasche. Er hatte sie, wie ein kleiner, lächerlicher Fetisch, dabei: den Hibiskus-Weißtee, tiefrot. Er trank.

Der Geschmack war herb und frisch, und er dachte, wie absurd es ist, in einer Stadt, die vielleicht gerade eine hygienische Katastrophe verschweigt, ein Getränk zu trinken, das man sich als Hygiene zurechtgelegt hat.

Er trank noch einen Schluck.

Dann stellte er die Flasche neben den Liegestuhl.

Er sah auf das Wasser.

Die Lagune war heute nicht nur grün, sie war – wie soll man sagen – lebendig grün, als wäre sie von innen beleuchtet. Man sah, in der Bewegung der kleinen Wellen, Reflexe, die wie Schuppen glänzten. Und man sah, näher am Ufer, einen Streifen, der dunkler war – nicht schwarz, nicht braun, sondern… rotstichig.

Hans Castorp kniff die Augen zusammen.

Es war, als hätte sich in einer Bucht etwas gesammelt: ein Schimmer, ein Schleier. Vielleicht Algen. Vielleicht Sand. Vielleicht ein Spiel des Lichts.

Oder etwas anderes.

Er spürte, wie in ihm die Erinnerung an das rosige Wasser im Hahn aufstand. Er spürte, wie das Wort „Wasser“ plötzlich Gewicht bekam.

„Sehen Sie das?“ fragte er leise.

Gustav antwortete nicht.

Er sah nicht auf das Wasser. Er sah auf die Erscheinung.

Hans Castorp fühlte, wie er, trotz allem, zu bleiben begann.

Zu bleiben, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist bei Hans Castorp nie ein Zufall gewesen. Es ist sein Talent.

×