Abschnitt 3

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Im Salon – man nannte ihn hier nicht Salon, sondern irgendetwas zwischen „Breakfast Lounge“ und „Sala delle Colazioni“, ein Name, der zugleich Weltläufigkeit und Unverbindlichkeit ausstrahlen sollte – war das Licht weich und kühl. Die großen Fenster ließen die Lagune herein, aber nur als Bild, wie durch ein Glas, das die Wirklichkeit in Komfort übersetzt.

Es roch nach Kaffee, nach Zitrus, nach poliertem Holz – und, ganz leise, unter allem, nach etwas anderem: nach Desinfektion.

Dieser Geruch, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist ein sehr moderner Geruch. Er ist nicht wie Rauch, nicht wie Blut, nicht wie Schweiß; er ist sauber, freundlich, rational. Und doch ist er, wenn man ihn einmal ernst nimmt, ein Geruch der Angst.

Hans Castorp setzte sich an seinen Tisch.

Er war – das ist zu sagen – nicht allein. Gustav von A. saß bereits da, ein wenig abseits, so dass man ihn sehen konnte, ohne dass er Teil des allgemeinen Gewühls war. Er hatte diese Gabe, die manche Menschen besitzen: unsichtbar zu sein und doch, wenn man hinsieht, das Zentrum zu bilden.

Hans Castorp ging zu ihm.

„Guten Morgen“, sagte er.

Gustav von A. hob den Blick.

„Morgen“, sagte er. Es klang nicht wie Gruß, sondern wie Feststellung.

Hans Castorp setzte sich.

Er sah Gustav an. Und er sah, mit einer Mischung aus Widerwillen und Faszination, dass Gustav sich erneut „zurechtgemacht“ hatte. Nicht geschniegelt wie ein Hotelgast; sondern maskiert wie jemand, der weiß, dass er betrachtet wird. Da war ein Hauch von Farbe auf den Wangen, ein Hauch von Dunkelheit in den Brauen, ein Glanz auf den Lippen, der nicht nur Feuchtigkeit war. Es war sehr wenig. Es war gerade genug.

Und gerade genug ist, wie man weiß, die gefährlichste Menge.

„Sie haben…“ begann Hans Castorp.

Gustav von A. unterbrach ihn nicht, aber er ließ den Blick einen Hauch länger auf Hans’ Gesicht ruhen, als wolle er sagen: Sparen wir uns das Urteil.

Hans Castorp schwieg.

Ein Kellner brachte Wasser. Es war in einer Karaffe, in der eine Zitronenscheibe schwamm, als müsse man dem Wasser beweisen, dass es gesund ist. Dazu stand – ganz unauffällig – eine kleine Flasche, verschlossen, aus Glas.

Hans Castorp sah sie an.

„Nur abgefüllt“, sagte der Kellner, und er sagte es in einem Ton, als spräche er über Wein.

Hans Castorp sah ihn an.

„Wie?“ fragte er.

Der Kellner lächelte – freundlich, leer.

„Empfehlung“, sagte er.

Empfehlung.

Dieses Wort, das im Hochland die Form der Fürsorge hatte, bekam hier plötzlich einen anderen Klang: nicht Wellness, sondern Warnung.

Hans Castorp blickte zum Eingang. Dort hing ein Schild, klein, ordentlich, in drei Sprachen; es war so unscheinbar, dass es wie Dekor wirkte.

Es wird empfohlen, Leitungswasser nicht zu trinken.

Si raccomanda di non bere acqua del rubinetto.

It is recommended not to drink tap water.

Empfohlen.

Nicht verboten.

Verbot ist grob. Empfehlung ist höflich – und entzieht sich damit der Verantwortung.

Hans Castorp spürte, wie in ihm etwas aufstand, eine unruhige Mischung aus System zwei und System eins: das langsame, willentliche Nachdenken und das schnelle, impulsive Misstrauen.

Er sah Gustav an.

Gustav von A. hatte das Schild nicht gelesen. Oder, genauer: er hatte es vielleicht gelesen, aber es war ihm nicht interessant genug, um es zu merken.

„Wie ist es?“ fragte Hans Castorp vorsichtig.

„Wie ist was?“ sagte Gustav.

Hans Castorp deutete mit einem kleinen Blick auf das Schild.

Gustav von A. folgte dem Blick, ohne den Kopf zu drehen, las es, als läse er einen Wetterbericht.

„Ach“, sagte er.

Dieses „Ach“ war ein ganzes Weltbild: die Welt als Bühne, die Gefahr als Hintergrund, die Wahrheit als etwas, das man zur Kenntnis nimmt, ohne es zu glauben.

„Es riecht hier nach… Klinik“, sagte Hans Castorp.

Gustav von A. zog den Mund.

„Sie sagen das so, als sei es etwas Neues“, sagte er.

Hans Castorp lächelte kurz.

„Für mich ist es nicht neu“, sagte er. „Aber für Venedig ist es… unerquicklich.“

Gustav nickte.

„Venedig“, sagte er, „ist immer unerquicklich. Man muss es nur in der richtigen Reihenfolge merken.“

Ein Kellner brachte Obst.

Es lag da, geschniegelt, glänzend, geschnitten: Melone, Ananas, Beeren. Es sah aus wie eine Farblehre der Gesundheit.

Hans Castorp dachte, unwillkürlich, an ein anderes Schild, in einem anderen Roman: Vermeiden Sie rohes Obst. Und er dachte, wie sehr sich Literatur manchmal bemüht, nicht wahr zu werden – und wie hartnäckig sie es doch tut.

„Essen Sie“, sagte Gustav.

„Ich…“ Hans Castorp zögerte.

„Sie sind doch sonst so…“ Gustav machte eine kleine, unbestimmte Handbewegung, die zugleich Lob und Spott war. „…hygienisch.“

Hans Castorp spürte, wie ihm das Wort „Hygiene“ plötzlich zu groß wurde. Hygiene war, wie Dr. Porsche gesagt hatte, die neue Moral; aber Moral im Süden hat eine andere Temperatur.

„Es wird empfohlen…“ begann er.

Gustav von A. lachte nicht. Er sah Hans nur an.

„Empfohlen“, wiederholte er. „Sie glauben sehr an Empfehlungen.“

Hans Castorp errötete ein wenig, und er ärgerte sich darüber, weil Erröten kindlich ist.

„Sie nicht?“ fragte er.

Gustav von A. senkte den Blick auf sein Notizbuch, das neben dem Teller lag, als sei es ein Messer.

„Ich glaube an Sätze“, sagte er.

Hans Castorp spürte, wie ihm diese Antwort in den Bauch ging; denn er spürte darin jene alte, bürgerliche Wunde, die Tonio Kröger einmal mit so viel Melancholie beschrieben hat: die Sehnsucht nach Ordnung und die Scham darüber, dass man sie hat.

„Sätze“, wiederholte Hans Castorp.

„Ja“, sagte Gustav, und nun war in seiner Stimme etwas, das fast weich war. „Wenn ich einen Satz nicht schreibe, sterbe ich.“

Hans Castorp hob die Brauen.

„So schlimm?“

Gustav von A. sah ihn an.

„So simpel“, sagte er.

Hans Castorp schwieg.

Er nahm schließlich ein Stück Melone. Er tat es langsam, als wäre es eine Entscheidung. Er kaute. Der Geschmack war süß, wässrig, fremd. Er dachte: Man kann sterben an einer Melone. Und er dachte zugleich: Man kann sterben an einem Satz. Beides ist absurd. Und beides ist wahr.

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