Abschnitt 2

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Er drehte den Hahn auf.

Das Wasser kam zuerst zögernd, dann mit einem kleinen Stoß – und es war, für einen Moment, nicht klar.

Es war rosig.

Nicht rot wie Blut, nicht braun wie Schlamm; sondern rosig, als hätte jemand etwas hineingemischt, das sich schämt. Es hatte jene Farbe, die man bei sehr verdünntem Hibiskus sieht, wenn man den Tee im Glas zu lange stehen ließ und der Rest sich in der Bodenkrümmung sammelt.

Hans Castorp starrte auf den Strahl.

Er dachte, unwillkürlich, an Dr. Porsche, an die tiefe Rotheit des Hibiskus-Weißtees, an den Satz, der ihm damals, im Untersuchungszimmer, in den Kopf gefahren war wie ein Vorzeichen: Venedig vielleicht – an Wasser, das rot werden kann, wenn man es zu lang betrachtet.

Er hielt die Hand unter den Strahl.

Das Wasser war kühl. Es roch nach nichts – und gerade das roch verdächtig, denn das Nichts ist oft die Form, in der Hygiene sich tarnt. Nach ein paar Sekunden wurde es klar. Es war, als hätte der Hahn einen kurzen Husten gehabt.

„Rost“, dachte Hans Castorp.

Rost ist die bürgerliche Erklärung für ein Unheimliches. Man sagt: alte Rohre. Man sagt: nichts. Man sagt: gleich.

Er spülte sich das Gesicht, sah wieder in den Spiegel.

Ein Mann, der sich wäscht. Ein Mann, der glaubt, dass Waschen etwas löst.

Er griff nach seiner kleinen Dose, nach seinem „Gesundheitspulver“, das dunkelgelbe; er wog – man hätte ihn dabei beobachten können wie einen Alchemisten, der, statt Gold, Ruhe herstellen möchte – drei Gramm ab, vielleicht ein wenig mehr, denn das Gefühl, es müsse „wirken“, ist immer ein wenig gierig. Er rührte es in Wasser, gurgelte, schluckte. Der Geschmack war scharf, bitter, warm: Kurkuma, Pfeffer, Ingwer, und darunter jene fremde, ernste Note von Schwarzkümmel, die so tut, als sei sie Wahrheit.

Dann Bittertropfen mit Zitronensaft, dann – und hier stockte er – der Hibiskus.

Er hatte, in einer Thermosflasche, am Vorabend, den Tee angesetzt; nicht mit Leitungswasser, sondern, aus einer Vorsicht heraus, die er selbst als lächerlich empfand, mit einem stillen Wasser aus Glasflaschen, die das Hotel bereitgestellt hatte. Auf dem Etikett stand „Natur“ in einer Schrift, die so elegant war, dass sie schon wieder nach Marketing roch.

Er goss ein.

Die Farbe war tiefrot.

Er sah sie an, und etwas in ihm, das nicht rational war – System eins, wenn man so will, dieses schnelle, schlechte Statistik-Tier –, machte eine Verbindung: das rosige Wasser aus dem Hahn, das tiefe Rot im Glas, die Lagune draußen, grünlich, schimmernd. Rot, Grün, Wasser. Es war, als hätte der Tag eine Palette.

Er mischte das grasgrüne Langlebigkeitspulver hinein, das sich, im Rot, wie ein Skandal ausnahm: grün im roten Wasser, als hätte jemand das „blaue Gras“ Morgensterns, nur anders herum, in Flüssigkeit verwandelt. Es schäumte leicht. Es roch nach Matcha, nach Papier, nach fernem Wald.

Hans Castorp nahm die Tabletten.

Vitamin D3/K2, das man im Süden eigentlich nicht braucht und doch nimmt; Acetylsalicylsäure, Resveratrol, Magnesium; Q10; und, als letzte, die, die im Munde des Arztes wie ein Motor klang: Metformin.

Er tat es nicht mechanisch. Er tat es mit einer Art Andacht.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Komik unserer Zeit: Wir haben die Religionen hinter uns gelassen, und nun beten wir Tabletten an.

Als er fertig war, stand er einen Moment still.

Er hörte das Wasser.

Es ging ihm, für einen Augenblick, gut.

Und gerade das ist gefährlich.

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