Abschnitt 1

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Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Sorte von Morgen, die sich nicht wie Morgen anfühlt, sondern wie Fortsetzung; und zwar nicht als Fortsetzung dessen, was man getan hat – denn getan hat man oft wenig –, sondern als Fortsetzung dessen, was man nicht getan hat: nicht gegangen, nicht gesprochen, nicht aufgehört. Der Körper steht auf, der Geist bleibt sitzen; und im Zwischenraum zwischen diesen beiden, in diesem kleinen, unscheinbaren Korridor des Bewusstseins, beginnt das, was später „Schicksal“ heißen wird, mit erstaunlicher Pünktlichkeit zu arbeiten.

Hans Castorp erwachte früh.

Er erwachte nicht, weil die Sonne ihn weckte – in der Lagunenluft ist Licht nicht ein Schlag, sondern ein Schleier –, sondern weil sein Ring am Finger, dieses diskrete Auge, das die Nacht zählt, ihn mit einem vibrierenden, höflichen Unmut an die Tatsache erinnerte, dass Schlaf in unserer Zeit nicht mehr ein Zustand ist, sondern eine Leistung: etwas, das man erbracht hat oder eben nicht.

Er lag einen Moment still.

Er spürte die Matratze, die Decke, die fremde Kühle der Laken; er hörte, durch das Fenster hindurch, das unablässige, weiche Geräusch des Wassers, das hier nicht „Wasser“ ist, sondern eine Atmosphäre, eine zweite Luft. Und er dachte – zunächst ohne Worte –, dass er gestern zu lange geblieben war.

Zu lange bleiben: Es klingt, als ginge es um Höflichkeit. In Wahrheit geht es um Leben.

Er setzte sich auf.

Seine Bewegung war leicht; ja, man könnte sagen, sie war elegant. Denn Hans Castorp war – und dies ist, in der Chronik dieser Geschichte, kein kleiner Umstand – in einer Form angekommen, die ihn selbst überraschte. Nicht in jener Form, die man in Prospekten sieht, geschniegelt, fotografiert, mit dem richtigen Schatten auf dem Bauch; sondern in einer Form, die der Körper selbst kennt: elastisch, fest, arbeitsbereit. Er fühlte den Tonus in den Oberschenkeln, die klare Ruhe in den Schultern; seine Hände waren warm, seine Füße sicher. Die Wochen im Hochland, die Zieser-Sätze im Würfel, die Schritte, die nüchternen Mahlzeiten, die Schlafrituale, die spitzen Stacheln der Fakir-Matte – all das hatte, wie man sagt, „gegriffen“.

Und gerade deshalb war es unerquicklich: Denn diese Form gab ihm ein Gefühl von Unverletzlichkeit, das jeder Arzt als Illusion bezeichnen würde, wenn er nicht zugleich davon leben würde, Illusionen zu verwalten.

Hans Castorp stand auf, ging ins Bad.

Er trat auf die kühlen Fliesen, und das Kühle war, für einen Augenblick, wohltuend, wie eine moralische Strenge. Er betrachtete sich im Spiegel.

Da war das Gesicht, das man kennt, ohne es zu kennen: ein wenig schmal, ein wenig blass, die Augen nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt; und unter der Haut – das spürte er, weil er inzwischen gelernt hatte, das Spüren ernst zu nehmen – jene kleine, wachsame Spannung, die ihm geblieben war seit dem Krieg, seit dem Entzug, seit dem Leben mit einem Namen, der zugleich Wahrheit und Maske ist.

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