Sie gingen hinaus.
Die Sonne schlug ihnen entgegen wie eine Handfläche.
Die Luft war noch immer feucht, aber jetzt roch sie auch nach Gustav: nach Parfüm, nach Puder, nach einer süßen Strenge.
Gustav ging schneller.
Er ging nicht hastig – er ging entschlossen.
Hans Castorp ging neben ihm, und er fühlte, wie sich etwas in ihm regte, das er nicht gern zugibt: eine Mischung aus Spott und Mitleid, aus Zärtlichkeit und Widerwillen. Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Tonio‑Position: man liebt die bürgerliche Pose und verachtet sie zugleich, weil man weiß, dass man sie braucht, und weil man weiß, dass sie lügt.
„Sie sehen… ordentlich aus“, sagte Hans Castorp schließlich.
Gustav sah ihn an.
„Das ist nicht komisch“, sagte er.
Hans Castorp hob die Hand, fast entschuldigend.
„Ich meinte nicht komisch“, sagte er. „Ich meinte…“
Er suchte nach einem Wort.
Worte sind, wenn man streng ist, oft die schlechteste Maske: Sie verraten, dass man nicht weiß, was man fühlt.
„…rührend“, sagte er.
Gustav blieb stehen.
Er blieb stehen, als müsse er sich entscheiden, ob er beleidigt sein will oder dankbar.
Dann sagte er:
„Rührend ist das Gegenteil von würdig.“
Hans Castorp nickte.
„Das sagen die Würdigen“, sagte er.
Gustav lachte kurz.
Es war kein fröhliches Lachen.
Es war ein Lachen wie ein kurzer Schnitt.
Sie gingen weiter.
Am Ende einer Gasse sah Hans Castorp ein weiteres Schild.
Klein.
Unscheinbar.
Drei Sprachen.
„Es wird empfohlen…“
Hans Castorp blieb stehen.
Gustav blieb nicht stehen.
„Was wird diesmal empfohlen?“ fragte Hans Castorp.
Gustav drehte sich nicht um.
„Dass man keine rohen Meeresfrüchte isst“, sagte er, als wüsste er es auswendig.
Hans Castorp ging zum Schild.
Da stand es.
Nicht dramatisch.
Nicht apokalyptisch.
Nur so, wie Hygienewarnungen heute formuliert werden: freundlich, vernünftig, so, als ginge es um Wetter.
Und genau dadurch, dachte Hans Castorp, wirken sie wie Schicksal.
„Warum?“ fragte er.
Gustav zuckte die Schultern.
„Weil etwas im Umlauf ist“, sagte er.
Etwas im Umlauf.
Venedig ist, wenn man streng ist, eine Stadt des Umlaufs: Wasser im Umlauf, Geld im Umlauf, Touristinnen und Touristen im Umlauf, Gerüche im Umlauf. Und nun: Krankheit im Umlauf. Es passt.
Hans Castorp dachte an den Ring.
Er dachte: Er misst Umlauf. Puls. Durchblutung. Gefäßsteifigkeit.
Er dachte: Man kann den Umlauf messen.
Man kann ihn nicht stoppen.
Sie gingen zur Piazza.
Sie gingen an Menschen vorbei, die Eis aßen.
Sie gingen an Menschen vorbei, die Austern fotografierten.
Sie gingen an Menschen vorbei, die sich, geschniegelt, in der Sonne fotografierten, als sei Sonne ein Beweis dafür, dass man lebt.
Hans Castorp sah die Gesichter.
Viele waren maskiert, nicht mit Stoff, sondern mit Lächeln.
Lächeln sind, verehrte Leserin, verehrter Leser, die häufigsten Masken in Hotels und Urlaubsorten. Sie sagen: Mir geht es gut, und niemand darf fragen, warum.
Sie setzten sich in ein Café.
Gustav wählte einen Tisch so, dass er die Tür sehen konnte.
Hans Castorp wählte den Stuhl am Rand, weil er immer am Rand wählt.
Gustav zog die Zeitung hervor.
Er tat wieder so, als lese er.
Hans Castorp sah ihn an.
Gustavs Haare glänzten im Licht.
Sie waren zu dunkel, ganz leicht.
Nicht so sehr, dass man es sofort merkt; aber so, dass man, wenn man hinsieht, spürt: Hier stimmt etwas nicht.
Hans Castorp sah auf Gustavs Hände.
Sie waren ruhig.
Aber die Finger trommelten.
Ganz leicht.
Ein Rhythmus, der nicht Musik war, sondern Nerv.
„Sie haben Angst“, sagte Hans Castorp.
Gustav hob den Blick.
„Wovor?“ fragte er.
Es war eine echte Frage.
Das macht sie so gefährlich.
Hans Castorp wollte sagen: vor dem Alter.
Er wollte sagen: vor dem Tod.
Er wollte sagen: vor der Schönheit.
Er sagte stattdessen:
„Dass es Ihnen nicht genügt.“
Gustav sah ihn lange an.
Dann sagte er:
„Es genügt nie.“
Und dieser Satz, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist vielleicht der schlichteste und zugleich der unerquicklichste Satz über die menschliche Existenz: Es genügt nie.