Er sagte es, als sei es eine Anklage.
Hans Castorp schwieg.
Er dachte an Tonio.
Er dachte an die Person im Salon, die gesagt hatte: „Wir sind bürgerlich. Wir lieben Ordnung.“
Er dachte: Vielleicht ist das hier die äußerste Form bürgerlicher Ordnung: das Gesicht so lange zu bearbeiten, bis es wieder in die Kategorie passt, die man ertragen kann.
Der Barbier kam zurück.
Er nahm Gustav das Tuch nicht ab; er nahm es nur an einer Stelle hoch und prüfte, als prüfe er einen Teig.
„Bene“, sagte er.
Er führte Gustav zum Waschbecken.
Er legte ihm den Kopf zurück, und Gustav, der eben noch Disziplin war, war nun ein Hals, ausgeliefert, rückwärts, wie ein Patient.
Wasser floss.
Das Wasser war warm.
Hans Castorp spürte, wie sein Körper bei dem Geräusch des Wassers eine kleine Irritation hatte: das Schild, die Empfehlung, das „nicht trinken“. Und hier floss es, selbstverständlich, unproblematisch, über den Kopf eines Mannes.
Man empfiehlt vieles, dachte Hans Castorp.
Man garantiert nichts.
Der Barbier spülte.
Die dunkle Masse lief ab.
Sie färbte das Wasser einen Moment lang.
Es war ein brauner, rötlicher Ton.
Es sah, für einen Augenblick, aus wie ein kleiner Vorbote dessen, was man noch nicht sehen will.
Gustav richtete sich auf.
Er ging zurück zum Spiegel.
Die Haare waren dunkler.
Sie waren nicht mehr grau.
Sie waren… nicht mehr wahr.
Der Barbier trocknete.
Er föhnte.
Er kämmte.
Er schnitt noch ein wenig.
Dann nahm er eine kleine Dose.
Puder.
Ja.
Puder.
Er tupfte Gustav damit auf die Stirn.
Er tupfte die Wangen.
Er tupfte, als müsse er das Gesicht matt machen, damit es nicht verrät, dass darunter etwas arbeitet: Schweiß, Blut, Angst.
Hans Castorp sah, wie Gustav den Mund minimal öffnete, als wolle er sagen: Nein.
Er sagte es nicht.
Der Barbier nahm ein Fläschchen.
Parfüm.
Er sprühte.
Ein Duft, süß und streng zugleich, legte sich in die Luft wie eine zweite Maske, unsichtbar, aber wirksam.
„Perfetto“, sagte der Barbier.
Gustav sah sich an.
Er lächelte.
Nicht breit.
Nur kurz.
Aber dieses kleine Lächeln war, für Hans Castorp, der eigentliche Stich. Denn es zeigte: Der Mensch ist bereit, sich zu verleugnen, wenn es ihn für einen Moment leichter macht.
Hans Castorp stand auf.
Er trat näher an Gustav heran.
Er betrachtete ihn.
Gustav sah jünger aus.
Ja.
Aber er sah nicht jung aus.
Er sah aus wie ein Mann, der jung aussehen möchte.
Und das, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist ein Unterschied, den man sofort spürt, auch wenn man ihn nicht erklären kann.
Denn der Wunsch ist sichtbar.
Er ist die eigentliche Maske.