Abschnitt 6

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Es begann.

Die Schere schnitt.

Das Geräusch war weich, wie ein leises, trockenes Kauen. Haare fielen.

Sie fielen wie Zeit.

Hans Castorp dachte an Dr. Porsche.

Er dachte an Gefäßsteifigkeit.

Er dachte an die diastolische Zahl, die knapp über achtzig ist und darum eine moralische Frage wird.

Er dachte: Man kann Alter messen, und man kann es schneiden, und man kann es färben – und es bleibt.

Der Barbier beugte sich vor, sah Gustavs Gesicht an, nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Bild. Er hielt den Kopf leicht, drehte ihn, prüfte.

„Ihre Haare sind sehr…“, sagte er, und suchte nach einem Wort, das nicht beleidigt. „…charaktervoll.“

Gustav lächelte nicht.

„Sie sind grau“, sagte er.

Der Barbier hob die Brauen.

„Graue Haare sind…“, begann er, und das war jene bürgerliche Höflichkeit, die Trost sein will und dabei Wahrheit verhindert.

Gustav unterbrach ihn.

„Ich weiß“, sagte er. „Ich weiß, was sie sind. Ich möchte, dass sie… nicht so sind.“

Hans Castorp spürte einen kleinen Stich.

Nicht, weil er es lächerlich fand.

Weil er es verstand.

Denn auch Hans Castorp hatte in den letzten Monaten Dinge „nicht so“ haben wollen: Blutdruck nicht so. Stress nicht so. Fettanteil nicht so. Schlaf nicht so. Man nennt das bestforming, und es klingt modern; aber im Kern ist es dasselbe alte menschliche Geschäft: Man möchte, dass das Leben einem gehorcht.

Der Barbier nickte langsam.

„Colorazione“, sagte er, als wäre es ein Zauberwort.

Er ging zu einem Regal.

Er nahm eine Schale.

Er nahm eine Tube.

Die Farbe war dunkel.

Sie roch.

Nicht stark, nicht vulgär; aber sie roch nach Chemie, nach einer kleinen Gewalt.

Er mischte.

Er rührte.

Das Geräusch des Rührens war unerquicklich intim, weil es zeigte: Hier wird etwas hergestellt, das man später „natürlich“ nennen wird.

Hans Castorp sah auf Gustav.

Gustav sah in den Spiegel.

Er sah nicht hinaus.

Er sah nicht auf Hans.

Er sah nur auf sich.

Der Barbier begann, die Farbe aufzutragen.

Er tat es behutsam, sorgfältig, als streiche er ein Bild.

Die dunkle Masse legte sich auf das Grau.

Sie legte sich wie eine Lüge.

Sie legte sich wie eine Decke.

Sie legte sich wie eine Maske.

Hans Castorp musste an die gelben und grünen Pulver denken, die auf seinem Tisch standen. Er musste an das Rot des Hibiskus denken. Auch das sind Farben, dachte er. Auch das sind Mischungen. Auch das sind kleine chemische Lügen, die man „Natur“ nennt, weil man lieber an Kräuter glaubt als an Angst.

Der Barbier arbeitete weiter.

Er strich auch über die Augenbrauen.

Ein wenig.

Nur ein wenig.

Gustav zuckte.

„Das gehört dazu“, sagte der Barbier, freundlich.

Gustav sagte nichts.

Er ließ es geschehen.

Und Hans Castorp, der in der Sonnenalp gelernt hatte, sich Geräte an den Körper zu lassen, sich Blut abnehmen zu lassen, sich messen zu lassen, erkannte diese Haltung: das Einverständnis des Menschen, der glaubt, er müsse leiden, um zu dürfen.

„Sie werden sehen“, sagte der Barbier.

Sehen.

Immer wieder: sehen.

Das Auge als Hauptorgan der Moderne.

Der Barbier ließ die Farbe einwirken.

Er stellte einen Timer.

Ja.

Einen Timer.

Auch hier: Zahlen.

Auch hier: Messung.

„Zehn Minuten“, sagte er.

Er sagte es, als sei es ein Versprechen.

Hans Castorp setzte sich nun doch, weil Stehen plötzlich lächerlich wurde in dieser kleinen, intimen Werkstatt des Selbstbetrugs. Er setzte sich auf einen Stuhl am Rand, und der Stuhl war unbequem, als wolle er sagen: Zuschauerinnen und Zuschauer sollen nicht zu gemütlich werden.

Er sah Gustav an.

Gustav sah in den Spiegel.

Die Farbe glänzte.

Sie war noch nicht „natürlich“. Sie war eine nasse, dunkle Masse, wie Schlamm, wie Tinte.

„Wie fühlen Sie sich?“ fragte Hans Castorp.

Es war eine harmlose Frage.

Aber in harmlosen Fragen steckt oft das Messer.

Gustav antwortete nicht sofort.

Dann sagte er:

„Wie jemand, der etwas tut, das er nicht tun will.“

Hans Castorp lächelte.

„Warum tun Sie es dann?“

Gustav sah ihn im Spiegel an.

Der Blick kam nicht direkt, sondern über die Reflexion, und Reflexionen, verehrte Leserin, verehrter Leser, machen jeden Blick ehrlicher und unheimlicher zugleich.

„Weil ich es will“, sagte Gustav.

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