Abschnitt 4

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Der “Club”, der früher vermutlich “Salon” geheißen hätte, war klein, obwohl zu Recht “Frisur” und “Rasur” versprach.

Er war nicht luxuriös im Sinne der Sonnenalp, wo Luxus aus Fläche besteht und aus Technik. Er war luxuriös auf alte Art: aus Gerüchen und Ritualen.

Es roch nach Seife, nach Alkohol, nach warmem Wasser – und zugleich, ganz schwach, nach einem chemischen Ton, der Hans Castorp sofort an etwas erinnerte, was er nicht hier unten erwartet hatte: Desinfektion. Als ob selbst die Rasur heute eine Hygienemaßnahme wäre. Vielleicht ist sie das auch. Vielleicht ist alles Hygiene geworden, wenn man nur lange genug in einem Programm lebt.

Ein Spiegel hing an der Wand.

Er war groß.

Er war so groß, dass man, wenn man hineinsieht, nicht nur sich sieht, sondern auch den Raum hinter sich. Spiegel, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind eine der grausamsten Erfindungen der Kultur: Sie tun so, als seien sie Wahrheit, und sie sind doch immer Interpretation. Sie wählen Winkel. Sie wählen Licht. Sie wählen, was sie zeigen. Und man glaubt ihnen, weil man es bequem findet, eine Autorität zu haben.

Über dem Spiegel war ein Ringlicht.

Ja.

Ein Ringlicht.

Es hing dort wie ein moderner Leuchter, wie ein kleiner Bruder des kristallenen Auges im Hotel. Es leuchtete nicht warm, nicht kerzenhaft, sondern kalt, präzise, so dass jedes Por, jede Falte, jedes Zögern sichtbar wird. Das Ringlicht ist, wenn man streng ist, ein moralisches Instrument: Es macht sichtbar, was man gern verbergen würde, damit man es dann verbergen kann. Sichtbarkeit als Voraussetzung der Maske.

Der Barbier – ein Mann mittleren Alters, dunkle Augen, glänzendes Haar, eine Schürze, die so sauber war, als wäre sie selbst geschniegelt – begrüßte sie mit jener höflichen Vertraulichkeit, die Dienstleistung erzeugt, wenn sie sich als Kunst ausgibt.

„Signore“, sagte er zu Gustav, und das Wort klang wie eine kleine Verjüngung: Herr, aber nicht alt.

Gustav nickte.

Er setzte sich in den Stuhl.

Der Stuhl war groß, schwarz, mit Chrom, schwer. Er sah aus, als könnte man darauf nicht nur Haare schneiden, sondern Schicksale.

Hans Castorp setzte sich nicht.

Er blieb stehen.

Er stand am Rand, beobachtend.

Der Barbier legte Gustav ein Tuch um, weiß, glatt, und das Tuch lag um ihn wie eine Priesterrobe. Dann band er es im Nacken fest.

Eine Bindung am Nacken, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist immer ein Symbol, ob man will oder nicht. Denn dort sitzt die Stelle, an der man den Kopf nicht sieht, und gerade darum ist sie so empfindlich: Man überlässt sie einem anderen.

Gustav sah in den Spiegel.

Er sah sich.

Hans Castorp sah, wie Gustav ganz kurz die Augen verengte, als müsse er sich selbst scharfstellen.

„Was wünschen Sie?“ fragte der Barbier, auf Englisch, weil Englisch in solchen Situationen die neutrale Maske ist zwischen zwei Sprachen.

Gustav zögerte.

Dann sagte er, leise:

„Ordnung.“

Der Barbier lächelte, als hätte er verstanden.

„Ordnung“, wiederholte er.

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