Abschnitt 3

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Sie gingen.

Denn in Venedig geht man, und man geht, weil man sich sonst in der Feuchtigkeit seiner Gedanken auflöst.

Die Gassen waren schmal, die Steine warm, das Licht in Streifen geschnitten. Menschen standen in Gruppen, hielten Geräte vor ihre Gesichter, fotografierten, filmten, dokumentierten. Es war, als müsse man hier unten, wo alles ohnehin Bild ist, erst recht beweisen, dass man da ist, indem man es in ein Bild presst.

Hans Castorp sah die Bildschirme.

Er sah die kleinen Gesichter darin, glatter als in Wirklichkeit, heller, größeräugig, als hätte die Technik selbst einen Barbier und Kosmetiker in sich aufgenommen.

„Filter“, sagte er, ohne dass er es wollte.

Gustav von A. blickte nicht auf.

„Maske“, sagte er.

Hans Castorp sah ihn an.

„Ist das nicht… lächerlich?“ fragte er.

Er meinte es nicht böse.

Er meinte es wie Tonio: spöttisch aus Zärtlichkeit.

Gustav von A. blieb kurz stehen, mitten in einer Gasse, sodass zwei Touristinnen um ihn herum ausweichen mussten. Er sah nicht genervt aus, nur abwesend.

„Lächerlich“, sagte er langsam, „ist ein Wort, das man benutzt, um nicht zu sagen: Es tut weh.“

Hans Castorp schwieg.

Das war ein Satz.

Er hätte ihn sich notieren können.

Er tat es nicht.

Sie gingen weiter.

In einer Auslage sah Hans Castorp Masken.

Nicht die kleinen, hygienischen, die man in Taschen trägt; richtige Masken: goldene, weiße, schwarze, mit Federn, mit Glitzer, mit langen Schnäbeln, die an jene Pestärzte erinnern, die man auf Bildern sieht, wenn man sich die Geschichte als Theater vorstellt. Schnabelmasken, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind eine besonders unheimliche Erfindung: Sie sollten Schutz sein, und sie wurden Symbol. Man stopfte Kräuter hinein, man glaubte, Duft sei Barriere; und am Ende war es doch nur ein Kostüm für Hilflosigkeit.

Hans Castorp blieb stehen.

Er sah auf eine weiße Maske, glatt, ohne Mimik, mit zwei Augenlöchern. Sie war schön, in ihrer Leere. Sie war auch unerquicklich, weil Leere immer die Möglichkeit von Tod enthält.

„Schauen Sie“, sagte er.

Gustav sah hin.

Er zuckte nicht.

Er sagte nur:

„Hier hat alles schon einmal eine Maske getragen.“

Hans Castorp dachte an sich.

Er dachte an seinen Namen.

An den Namen, den er sagte, und den Namen, den er war.

Es ist eine merkwürdige Sache, verehrte Leserin, verehrter Leser: Man kann über Masken anderer lachen – und dabei vergessen, dass die eigene Maske nicht aus Pappmaché ist, sondern aus Biographie.

Sie gingen weiter.

Das Schild, das Gustav suchte, fand man nicht als Schild. Man fand es als Empfehlung.

Am Eingang eines kleinen Hauses hing ein Kärtchen, gedruckt, diskret, mit dem Hotel‑Logo oben: „Fripac-Medis Frisur-Rasur-Club – empfohlen von Ihrem Concierge.“

Empfohlen.

Hans Castorp sah Gustav an.

Gustav sah nicht zurück.

Er ging hinein.

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