Beim Frühstück war der Salon hell.
Nicht hell, weil die Stadt hell wäre; hell, weil das Hotel es wollte. Man hatte die Vorhänge zurückgezogen, man hatte das Licht so gestellt, dass alles wie ein Bild aussah, und Bilder, das ist die alte Kunst dieser Stadt, sind die höflichste Form der Lüge.
Die Tische standen, geschniegelt, in Reih und Glied. Weißes Tuch. Silber. Glas. Die Geräusche gedämpft: Messer auf Porzellan, Stimmen, die sich benehmen, weil sie wissen, dass sie gehört werden könnten. Der Leuchter hing über allem wie ein kristallener Gedanke. Er funkelte, als hätte er keine Funktion als zu zeigen: Hier wird nicht nur gegessen, hier wird gelebt.
Hans Castorp setzte sich nicht gleich.
Er stand erst am Rand, wie er es gewohnt war: ein Mann, der im Zentrum steht und doch am Rand bleibt, weil er sich, innerlich, nicht ganz für berechtigt hält.
Dann sah er Gustav von A.
Gustav saß bereits.
Er hatte eine Zeitung vor sich, aber er las nicht. Er hielt sie nur, wie man etwas hält, das man als bürgerliches Requisit braucht, damit das Dasein nicht zu nackt wirkt. Sein Gesicht war ruhig, aber Hans Castorp, der inzwischen gelernt hatte, den Körper zu lesen wie Dr. Porsche eine Kurve, sah die kleinen Zeichen: die zu feste Linie um den Mund, die Hand, die zu oft an die Schläfe geht, das kurze, unhörbare Ausatmen, das nicht Erleichterung ist, sondern Anstrengung.
Gustav sah auf.
„Sie haben schlecht geschlafen“, sagte er.
Es war keine Frage.
Es war auch kein Mitleid.
Es war Feststellung.
Hans Castorp lächelte.
„Man schläft hier… anders“, sagte er.
Gustav von A. nickte.
„Man lebt hier anders“, sagte er.
Und dann, ohne dass er es wollte – oder vielleicht gerade weil er es wollte –, glitt sein Blick zur Tür.
Hans Castorp folgte dem Blick nicht sofort.
Das ist eine jener kleinen, moralischen Übungen, die man sich angewöhnen kann: nicht immer dem Blick eines anderen zu gehorchen, wenn er einen Befehl enthält. Aber Hans Castorp war, trotz System‑2‑Vorsätzen, ein Mensch. Und Menschen, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind nicht gut darin, Blicke zu verweigern, wenn Schönheit im Spiel ist.
Er sah zur Tür.
Die schöne Erscheinung trat ein.
Nicht eilig, nicht posierend; eher so, als trete sie in einen Raum, der ihr nicht gehört, und wisse doch, dass sie ihn verändert, sobald sie da ist. Die Haare waren heute nicht einfach hell – sie waren, im Morgenlicht, fast silbern. Das Hemd war wieder schlicht. Nichts war betont. Und gerade darum, dachte Hans Castorp, war alles betont: die Linie des Halses, die Art, wie die Schultern stehen, die Ruhe der Bewegung.
Die Person nahm ein Tablett.
Sie nahm Kaffee.
Sie nahm Obst.
Sie setzte sich an einen Tisch, an dem schon Menschen saßen, und die Menschen taten, als sprächen sie weiter, obwohl sie, in Wahrheit, schon nicht mehr sprachen, sondern schauten.
Gustav von A. blickte einen Moment zu lange.
Er blickte nicht wie ein Stalker, nicht wie ein Lüstling; er blickte wie ein Mensch, dem etwas gezeigt wurde, das er nicht bestellt hat, und das ihn darum trifft. Und Hans Castorp sah es: nicht die Schönheit allein war es, die Gustav traf; es war das, was Schönheit immer tut, wenn sie nicht als Dekor erscheint, sondern als Ereignis: Sie erinnert an Zeit.
Denn was ist Schönheit anderes als eine Art Gegenwart, die sich weigert, Vergangenheit zu sein?
Gustav von A. senkte den Blick.
Er nahm die Zeitung.
Er tat, als läse er.
Hans Castorp wusste, dass er nicht las.
Er wusste es, weil er selbst, oft genug, so getan hatte, als lese er: in Liegehallen, in Speisesälen, in Wartezimmern, wenn das Innere zu laut war.
Hans Castorp nahm ein Stück Brot.
Er nahm auch, beinahe automatisch, die Flasche mit dem Hibiskus‑Weißtee aus seiner Tasche. Der Rotton schimmerte im Glas wie ein kleines, privates Geheimnis.
Gustav von A. sah es.
„Sie trinken das wirklich“, sagte er.
„Es wird empfohlen“, sagte Hans Castorp.
Gustav lächelte kurz.
„Empfohlen“, wiederholte er, und in dem Wort lag alles, was ihn an der Welt ermüdet: die sanfte Gewalt der Vorschrift, die sich als Sorge verkleidet.
Hans Castorp schraubte die Flasche auf, hielt sie aber einen Moment in der Hand.
„Man empfiehlt hier unten auch“, sagte er, und er dachte dabei an das Schild an der Wand, an die drei Sprachen, an die hygienische Kleinigkeit, die wie Schicksal klang.
Gustav von A. legte die Zeitung hin.
„Ich weiß“, sagte er.
Er sagte es so leise, dass es beinahe nicht gesagt war.
Dann stand er auf.
Er stand auf, als müsse er etwas erledigen.
„Ich gehe“, sagte er.
„Wohin?“ fragte Hans Castorp.
Gustav zögerte.
Ein Zögern, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist manchmal das erste sichtbare Zeichen einer Lüge.
„Zum Barbier“, sagte Gustav.
Hans Castorp hob die Augenbrauen.
Gustav sah ihn an, und in diesem Blick lag etwas, das Hans Castorp nicht oft an ihm gesehen hatte: eine Art Trotz.
„Ich sehe… unerquicklich aus“, sagte Gustav.
Hans Castorp musste, gegen seinen Willen, lächeln.
„Sie sehen aus wie Sie“, sagte er.
„Das ist ja das Problem“, sagte Gustav.
Und damit war alles gesagt.