Am Abend war Gustav still.
Er war nicht melancholisch im sentimentalen Sinn. Er war still wie jemand, der arbeitet.
Im Hotelzimmer – dem großen, dunklen, schweren Zimmer, das wie ein Altar ist – saß er am Tisch.
Das Notizbuch lag vor ihm.
Es war offen.
Das war selten.
Hans Castorp saß auf einem Sessel am Rand, weil er sich inzwischen angewöhnt hatte, nicht immer sofort in seine eigenen Rituale zu fliehen, sondern manchmal beim anderen zu bleiben, auch wenn es unbequem ist.
Gustav schrieb.
Nicht viel.
Ein Satz.
Dann noch einer.
Dann strich er etwas durch.
Dann schrieb er wieder.
Hans Castorp sah auf seine eigenen Hände.
Er sah den Ring.
Er sah, wie der Fortschrittskreis heute fast voll war.
Er hatte viele Schritte gemacht.
Er hatte wenig Wasser getrunken, jedenfalls kein Leitungswasser.
Er hatte keine rohen Meeresfrüchte gegessen.
Er hatte alles getan, was empfohlen wird.
Und dennoch fühlte er sich nicht sicher.
Sicherheit, dachte er, ist vielleicht die größte Maske von allen: Man trägt sie, weil man glaubt, dass sie existiert, und gerade dadurch wird sie gefährlich.
„Was schreiben Sie?“ fragte Hans Castorp schließlich.
Gustav hob den Blick.
„Nichts“, sagte er.
Hans Castorp lächelte.
„Das sieht nach etwas aus“, sagte er.
Gustav sah wieder aufs Papier.
„Ich schreibe“, sagte er langsam, „damit ich nicht…“
Er brach ab.
Hans Castorp wartete.
Das Warten ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Tugend, die man nicht lernt, indem man sie optimiert; man lernt sie, indem man sie erträgt.
Gustav sagte:
„…damit ich nicht gehe.“
Hans Castorp verstand.
Schreiben als Bleiben.
Schreiben als Maske.
Schreiben als Legitimation.
Tonio hatte gesagt: Man muss schaffend sein, um in Betracht zu kommen.
Gustav war schaffend.
Und gerade darum, dachte Hans Castorp, bleibt er.
Weil er glaubt, dass der Ort, die Schönheit, die Gefahr ihm etwas geben, das er in seinen Sätzen braucht.
Hans Castorp sah auf Gustav.
Die Haare waren dunkel.
Das Gesicht matt.
Es war, wenn man es streng nimmt, gelungen.
Aber in der Stirn, am Haaransatz, glänzte ein kleiner Schweißfilm.
Die Luft war warm.
Die Nacht draußen war feucht.
Hans Castorp sah, wie Gustav, ganz unbewusst, mit dem Finger an den Haaransatz ging, als wolle er prüfen, ob alles hält.
Der Finger kam zurück.
Er war leicht dunkel.
Nicht viel.
Nur ein Hauch.
Aber Hans Castorp sah ihn.
Und dieser Hauch, verehrte Leserin, verehrter Leser, war wie ein kleines Geständnis: Die Maske hält nicht. Sie hält nie.
Gustav merkte, dass Hans es gesehen hatte.
Er zog die Hand zurück.
Er lächelte, ganz kurz.
„Es ist heiß“, sagte er.
Hans Castorp nickte.
„Ja“, sagte er. „Es ist heiß.“
Draußen gluckste das Wasser.
Im Zimmer roch es nach Parfüm.
Und in dieser Mischung – Wasser und Duft, Zeit und Maske – lag etwas, das Hans Castorp nicht benennen konnte, aber fühlte: eine Nähe zum Ende.
Er griff nach seinem Notizbuch.
Nicht aus Programm.
Aus Impuls.
Er schlug es auf.
Er schrieb einen Satz.
Er schrieb:
bestforming ist eine Maske.
Dann hielt er inne.
Er strich den Satz durch.
Er schrieb darunter:
Die Maske ist bestforming.
Dann strich er auch das durch.
Er schrieb schließlich, klein, als dürfe es nicht laut sein:
Angst ist die älteste Kosmetik.
Er legte den Stift hin.
Er sah Gustav an.
Gustav schrieb weiter.
Oder tat so.
Hans Castorp sah den kleinen dunklen Hauch am Finger.
Er sah die glatte, matte Stirn.
Er sah die dunklen Haare.
Und er dachte, sehr langsam, sehr klar, wie jemand, der System 2 benutzt, obwohl es Mühe macht:
Der Versuch, jung zu wirken, macht alt.
Nicht, weil er misslingt.
Sondern weil er zeigt, wovor man sich fürchtet.
Er sah zum Fenster.
Draußen lag die Lagune.
Sie spiegelte.
Sie garantierte nichts.
Sie trug.
Und sie wartete, geduldig, grün, süßlich, als hätte sie alle Masken der Welt schon gesehen und wüsste, dass am Ende immer nur Wasser bleibt.
Hans Castorp schloss die Augen.
Er roch das Parfüm.
Er hörte das Glucksen.
Er spürte den Ring an seinem Finger, dieses kleine Auge.
Und er spürte, sehr leise, sehr süßlich, sehr unerquicklich:
dass man zu lange bleibt.