Abschnitt 9

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In der Nacht konnte Hans Castorp nicht gut schlafen.

Nicht, weil er Lärm hörte – obwohl die Stadt, selbst wenn sie schweigt, Geräusche hat: das Wasser, das klappert, das Boot, das irgendwo anlegt, die Stimme, die in einer Gasse ruft. Er konnte nicht schlafen, weil sein Inneres – dieses schwer erziehbare Tier – zu viel gesehen hatte. Und Sehen ist Arbeit. Sehen ist, wenn man ehrlich ist, Hypertrophie fürs Bewusstsein: der Muskel wächst am Widerstand, und das Bewusstsein wächst am Blick.

Er lag im Bett.

Die Kissen waren zu viele.

Die Luft war zu schwer.

Er spürte, wie der Ring an seinem Finger ihn berührte, als wäre er eine kleine, kalte Erinnerung daran, dass man auch in der Nacht nicht allein ist. Er sah auf den Ring. Er zeigte Uhrzeit. Er zeigte Herzfrequenz. Er zeigte – weil er nichts anderes kann – etwas, das sich „Readiness“ nennen lässt.

Hans Castorp dachte: Readiness wofür?

Er dachte an Dr. Porsche.

Er dachte an Dr. AuDHS.

Er dachte an Morgenstern, an dessen Vorsätze.

Er dachte an Kautsonik, an dessen Motto.

Er dachte an Zieser, an dessen Sätze.

Er dachte an Gustav von A., der nebenan in seinem Zimmer vielleicht schrieb, vielleicht nicht schrieb, vielleicht nur so tat.

Er dachte an die schöne Erscheinung, und er ärgerte sich über sich selbst, weil er sie dachte.

Er sagte sich, sehr langsam: System 2.

Er sagte sich: Das ist nur eine Person.

Er sagte sich: Das ist nicht Wahrheit.

Er sagte sich: Schlaf.

Und dann, wie so oft, tat er etwas Lächerliches, weil Lächerlichkeit manchmal die letzte Form von Hilfe ist: Er erzählte sich eine Geschichte.

Nicht die Geschichte vom Chamäleon, die Dr. AuDHS ihm gegeben hatte, alldieweil die Lagune selbst schon wie ein Chamäleon war: grün, rot, grau, je nach Licht. Er erzählte sich keine fertige Geschichte. Er erzählte sich, stotternd, bruchstückhaft, die Geschichte von sich selbst.

Er sagte sich: Ich war oben.

Er sagte sich: Der Berg ist in mir.

Er sagte sich: Ich bin unten.

Er sagte sich: Ich bin unterwegs.

Und während er es sich sagte, hörte er das Wasser draußen.

Es gurgelte an den Steinen.

Es löschte Zeit, ohne zu fragen.

Hans Castorp drehte sich um.

Er fand keine Position.

Er spürte, dass sein Körper in Bestform war – und dass Bestform nichts nützt gegen den inneren Lärm.

Das war die Pointe, verehrte Leserin, verehrter Leser.

Man optimiert, um Ruhe zu haben.

Und dann kommt man an einen Ort, an dem Ruhe nicht ist.

Nicht weil es zu laut ist, sondern weil es zu schön ist.

Schönheit ist Lärm.

Und Lärm ist, wie Hans Castorp seit dem Feuerwerk wusste, für den Körper immer mehr als für den Geist.

Er schloss die Augen.

Er sah Wasser.

Er sah Grün.

Er sah Rot.

Er sah einen Ring.

Und er spürte – sehr leise, sehr süßlich, sehr unerquicklich – dieses Gefühl:

dass man zu lange bleibt.

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