Es trat, am Abend, eine Figur auf, die Tonio heißen könnte.
Sie hieß nicht Tonio, oder sie hieß Tonio, und es spielte keine Rolle; denn Tonio, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist weniger ein Name als eine Stellung: die Stellung zwischen Welten, zwischen Sprachen, zwischen Sehnsucht und Spott. Tonio ist der Mensch, der bürgerlich sein möchte und es nicht kann, weil er zu viel sieht; und der künstlerisch ist, ohne es zu wollen, weil er nicht anders kann, als zu sehen.
Hans Castorp saß, wieder im Salon, weil Gustav von A. im Salon sein wollte, wie man in einem Tempel sein will, wenn man nicht beten kann. Das Klavier wurde geöffnet. Eine Person – jung, aber nicht kindlich, schlank, aber nicht mager – setzte sich daran. Die Hände waren schön, das ist eine Sache, die man kaum beschreiben kann, ohne lächerlich zu werden; und doch sind Hände oft das Ehrlichste an einem Menschen, weil sie nicht so gut lügen wie das Gesicht.
Die Person am Klavier spielte.
Nicht laut.
Nicht virtuos im Sinne der Demonstration.
Sie spielte so, dass man merkte: Hier wird nicht gespielt, um zu gefallen; hier wird gespielt, weil es sonst nicht auszuhalten ist.
Hans Castorp hörte zu.
Er hörte zu, und er fühlte dabei etwas, das er in der Sonnenalp nur selten gefühlt hatte: dass sein Inneres sich nicht in Werte zerlegte, sondern in Stimmung. Musik ist, wenn man so will, das Gegenteil von bestforming; sie ist nicht messbar, und sie ist doch Wirkung.
Nach dem Stück stand die Person auf.
Sie verbeugte sich nicht.
Sie nickte nur, als wolle sie sagen: Ja, ich weiß, dass es da war.
Und dann ging sie, an Hans Castorp vorbei.
Hans Castorp sah sie an.
Die Person sah ihn an.
Und sagte, in einem Deutsch, das ein wenig nach Norden roch, ein wenig nach Süden:
„Sie sind… nicht von hier.“
Hans Castorp lächelte.
„Man sieht es?“ fragte er.
„Man hört es“, sagte die Person. „Und man sieht… etwas anderes.“
„Was?“ fragte Hans Castorp.
Die Person zögerte.
Dann sagte sie, leise, als wäre es ein Geständnis:
„Sie schauen, als hätten Sie Angst, dass Schönheit Ihnen etwas tut.“
Hans Castorp spürte einen kleinen Stich.
Er dachte an Dr. AuDHS, an dessen Blick.
„Vielleicht tut sie das“, sagte er.
Die Person nickte.
„Ja“, sagte sie. „Sie tut.“
Und dann, als wolle sie sich selbst retten vor der Sentimentalität, fügte sie hinzu, ironisch, fast spöttisch:
„Aber man kommt deswegen doch immer wieder.“
„Warum?“ fragte Hans Castorp.
Die Person zuckte die Schultern.
„Weil wir bürgerlich sind“, sagte sie. „Wir lieben Ordnung. Und Schönheit ist die Ordnung, die sich nicht erklären muss.“
Hans Castorp sah sie an.
„Betreiben Sie Musik… professionell?“ fragte er, und es war, für ihn, ein ungewohntes Wort in seinem Mund, weil er in seinem alten Leben Kategorien geliebt hatte, die einfacher sind.
Die Person lächelte.
„Ich bin… angestellt“, sagte sie. „Das ist auch eine Kunst.“
Hans Castorp lachte kurz.
„Und Sie?“ fragte die Person. „Was sind Sie?“
Hans Castorp dachte an die Sonnenalp, an den Ring, an den Blutdruck, an die Diastole, an den Ausdruck „normal hoch“, an die gelben und grünen Pulver, an die Worte „Guest Relations“, an die Vorsätze Morgensterns, an Gustav von A. und sein Notizbuch, an das Wort „Süden“.
Er hätte sagen können: Ich bin Deserteur.
Er hätte sagen können: Ich bin Gast.
Er hätte sagen können: Ich bin ein Projekt.
Er sagte stattdessen, und das war vielleicht das erste Mal, dass er einen Satz sagte, der nicht aus Messung bestand:
„Ich bin… unterwegs.“
Die Person nickte.
„Das ist gefährlich“, sagte sie.
„Schön und unerquicklich“, murmelte Hans Castorp.
Die Person lachte leise.
„Genau“, sagte sie.
Und ging.
Hans Castorp blieb sitzen.
Er sah auf seine Hände.
Er dachte, sehr langsam: Das war Tonio.
Und er spürte, ohne es zu verstehen, dass er in dieser Stadt nicht nur reisen würde, sondern lernen.