Hans Castorps Zimmer lag hoch.
Natürlich.
Man wohnt, wenn man aus einem Hochland kommt, auch im Süden gern oben; es ist eine kleine Gewohnheit des Blicks, die sich nicht so leicht abtrainieren lässt. Man will, selbst wenn man auf Wasser schaut, einen Abstand. Man will, wenn man desertiert ist, immer ein wenig Abstand.
Das Zimmer war groß, aber nicht modern.
Es war groß, weil es alt war, und Alter ist in dieser Stadt eine Größe. Die Möbel waren schwer, das Holz dunkel, die Stoffe dick; das Bett stand wie ein Altar, und auf dem Bett lagen Kissen, deren Anzahl keinen Komfort mehr bezeichnete, sondern eine Absicht: Man will hier nicht schlafen; man will hier liegen. Schlaf ist Funktion. Liegen ist Stil.
Hans Castorp stellte den Koffer ab.
Er stand einen Moment still, hörte.
Und hörte nichts.
Oder genauer: Er hörte etwas, das so konstant war, dass es wie Nichts wirkte: das leise, regelmäßige Glucksen des Wassers an den Steinen. Es war nicht laut. Es war nicht dramatisch. Es war das Geräusch der Zeit, wenn sie sich nicht als Uhr, sondern als Bewegung gibt.
Hans Castorp ging zum Fenster.
Draußen lag die Lagune.
Sie lag nicht wie ein See, nicht wie ein Meer; sie lag wie eine Fläche, die nicht weiß, ob sie fest oder flüssig sein will. Das Wasser war grün, nicht klar; es war ein Grün, das aus Tiefe und Schwebstoff besteht, aus Algen, aus Licht, aus Vergangenheit. Boote glitten weit draußen, kleine, schwarze Striche. Und über dem Wasser lag eine Luft, die flimmerte; nicht heiß wie in der Wüste, sondern feucht, schwer, wie ein Tuch, das man sich über das Gesicht legt.
Hans Castorp sah auf die Lagune.
Und dann sah er auf den Ring.
Er hatte, in der Sonnenalp, gelernt, den Ring als Priester zu behandeln: Er liefert Werte, man beichtet. Man prüft, man korrigiert, man optimiert. Der Ring war dort oben, im Hochland, ein Instrument der Ordnung gewesen.
Hier unten war er ein Fremdkörper.
Denn was bedeutete es, die Herzfrequenz zu messen, wenn das Wasser selbst pulsierte? Was bedeutete es, Schritte zu zählen, wenn man in einer Stadt ist, die nur aus Schritten besteht – aus Brücken, aus Gassen, aus Umwegen? Was bedeutete es, Schlafphasen zu optimieren, wenn die Luft selbst wie ein Traum ist, süß und schwer und unerquicklich verführerisch?
Hans Castorp legte den Ring nicht ab.
Er war, wie Dr. Porsche gesagt hätte, eine Aufgabe.
Und Hans Castorp hatte in den letzten Monaten gelernt, Aufgaben zu erfüllen.
Er ging zum kleinen Tisch, der im Zimmer stand, und stellte seine Dosen darauf.
Gelb.
Grün.
Und das Rot des Hibiskus, das er in der Flasche trug.
Es sah aus wie ein kleines, privates Altarbild: drei Farben, drei Versprechen, drei Formen von Kontrolle. Er nahm das gelbe Pulver, hielt es gegen das Licht, und es leuchtete, als wolle es sagen: Ich bin Sonne. Er nahm das grüne Pulver, und es war, in seiner intensiven Farbe, fast obszön, als wolle es sagen: Ich bin Leben in Pulverform. Er sah auf das Rot, und Rot ist, wie man weiß, nie nur schön; Rot ist Blut, Rot ist Warnung, Rot ist Fest.
Er musste lächeln.
Nicht weil er es komisch fand – obwohl es komisch war –, sondern weil er plötzlich begriff, wie sehr er sich in seine Rituale eingewickelt hatte wie in Decken.
Er gurgelte.
Ja.
Er gurgelte in Venedig.
Er gurgelte, bevor er trank, weil Dr. Porsche es empfohlen hatte, und Empfehlungen, hatte Gustav gesagt, sind überall. Er gurgelte und hörte dabei das Wasser draußen, und es war, als gurgle die Stadt mit.
Er trank.
Langsam.
Und während er trank, dachte er, mit einer Klarheit, die ihm selbst fremd war: Vielleicht ist das nicht Hygiene. Vielleicht ist das Magie.
Denn was ist ein Ritual anderes als der Versuch, die Welt zu überreden, sich zu fügen?