Sie kamen in einem Hotel an.
Es war – wie sollte es anders sein – ein Hotel, das nicht einfach Hotel sein wollte, sondern Schicksalskulisse. Gustav von A. hatte es so gewählt, ohne es zu sagen; und Hans Castorp, der lange genug in einem Haus gelebt hatte, das sich als Schule des Lebens ausgibt, erkannte diese Art Auswahl sofort: Man nimmt nicht irgendeinen Ort. Man nimmt einen Ort, der bereits erzählt ist, damit man sich selbst hineinlegen kann wie in ein vorgeformtes Bett.
Das Hotel lag nicht direkt am Canal Grande, sondern etwas abseits, am Rand, wo man das Wasser nicht nur als Verkehr sieht, sondern als Fläche: die Lagune. Man erreichte es über kleine Wege, über Brücken, über schmale Gassen, in denen die Luft plötzlich kühl werden konnte, weil kein Sonnenstrahl hineinfindet; und dann wieder warm, weil die Steine die Hitze halten wie eine Erinnerung. Das Gepäck trugen andere. Hans Castorp bemerkte es, und es beschämte ihn kurz – nicht moralisch, sondern physiologisch. Denn er war in Bestform; er hätte tragen können. Aber man lässt tragen, wenn man bezahlt. Das ist die bürgerliche Wahrheit.
Die Halle des Hotels war dunkel, obwohl es Tag war.
Sie war nicht dunkel aus Mangel an Licht, sondern dunkel aus Absicht. Dunkelheit, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist in solchen Häusern nicht Abwesenheit, sondern Luxus. Man muss es sich leisten können, das Licht zu dämpfen. Es roch nach Wachs, nach Politur, nach einem alten Parfüm, das sich in Stoffen festgesetzt hat und nicht mehr weggeht, weil es Teil der Einrichtung geworden ist. Es roch, ganz schwach, nach Desinfektion – und dieses kleine moderne Element, dieser dünne chemische Faden im Duftgewebe, war vielleicht das Unheimlichste, weil er zeigte, dass selbst die Vergangenheit heute hygienisiert wird.
Über der Halle hing ein Leuchter.
Natürlich.
Er war anders als der Leuchter der Sonnenalp; er war nicht ringförmig und nicht demonstrativ modern. Er war ein Kristallgebilde, alt, schwer, mit Tropfen, die wie gefrorene Tränen hingen; und doch war er, in seiner Funktion, derselbe: Licht von oben, Blick von oben, eine Art stilles Auge, das alles sieht und dabei so tut, als sei es nur Dekoration.
Hans Castorp blickte hinauf.
Der Ring an seinem Finger glänzte.
Er fühlte plötzlich, wie diese beiden Kreise – der Ring und der Leuchter – sich zueinander verhielten, als hätten sie sich verabredet: Der Ring im Kleinen, der Leuchter im Großen; die Kontrolle am Körper, die Kontrolle im Raum. Und er dachte, mit jener leisen ironischen Müdigkeit, die ihm inzwischen vertraut war: Man kommt nicht aus dem Auge heraus, wenn man einmal darin ist. Man nimmt es mit. Man nimmt es mit in den Süden.
Am Tresen stand eine Person, die lächelte.
Sie lächelte nicht wie Kautsonik. Kautsonik hatte nie gelächelt, um zu verkaufen; sein Lächeln war Archiv, dünn und trocken. Diese Person lächelte, um zu empfangen, und Empfang ist im Hotel die erste Form von Besitzergreifung. Der Mensch hinter dem Tresen sprach mehrere Sprachen, ohne dass man es bemerkte; er glitt von Italienisch ins Englische, ins Deutsche, wie das Wasser von Farbe zu Farbe glitt.
Gustav von A. sagte seinen Namen.
Hans Castorp sagte seinen.
Oder er sagte den Namen, den er trug.
Die Person hinter dem Tresen schrieb.
Das Geräusch des Stiftes – denn es war, erstaunlicherweise, ein Stift, kein Tablet – kratzte kurz, und Hans Castorp spürte, wie ihm dabei eine Erinnerung in die Hand stieg: der Mann in Schwarz mit dem gläsernen Helm, der in der Silvesternacht Namen geschrieben hatte; das Holzstäbchen, mit dem man schreiben kann, wenn man bereit ist, dass es verwischt. Hier verwischte nichts. Hier wurde eingetragen.
„Freude dem, der kommt“, hätte Kautsonik gesagt.
Hier sagte man: „Benvenuti.“
Es war dasselbe.
Und nicht dasselbe.