Sie stiegen in ein Boot.
Man kann in dieser Stadt, verehrte Leserin, verehrter Leser, kaum eine Treppe hinuntergehen, ohne in ein Boot zu steigen; und das ist eine jener Tatsachen, die man, wenn man geneigt ist, sogleich zu allegorisieren beginnt, weil es so leicht ist. Denn wer in ein Boot steigt, steigt in etwas, das sich nicht festhalten lässt. Ein Boot ist Bewegung. Es ist Vertrauen. Es ist ein Transportmittel, das, im Unterschied zum Zug, nicht so tut, als sei es eine Maschine; es ist ein schwimmendes Versprechen, das jederzeit ins Wasser zurückfallen kann.
Das Boot – ein Vaporetto, breit, praktisch, voll – stank ein wenig nach Mensch. Es schaukelte. Es gab kleine Stöße, wenn es anlegte, und in diesen Stößen lag, für Hans Castorp, ein vertrautes, unangenehmes Echo: der Körper, der sich erinnert, dass Erschütterung nicht immer Fest ist, sondern manchmal Krieg.
Er setzte sich nicht.
Er stand, wie er in Hotels oft gestanden hatte, an einem Rand, als wolle er zeigen, dass er nicht dazugehört, auch wenn er längst dazugehört. Gustav von A. stand neben ihm, hielt sich nicht fest, obwohl man sich festhalten sollte. Er sah nicht auf Menschen. Er sah auf die Häuser.
Und die Häuser, verehrte Leserin, verehrter Leser, sahen aus, als seien sie nicht gebaut, sondern übrig geblieben.
Sie standen da, mit ihren Fassaden, ihren Fenstern, ihren Balkonen, ihren abgeblätterten Farben, ihrem Stuck, der sich wie Haut löst, und sie spiegelten sich im Wasser, aber nicht so, wie sich ein Mensch im Spiegel spiegelt – klar, eindeutig, bestätigend. Sie spiegelten sich gebrochen, zitternd, verwischt. Das Wasser war ein schlechter Spiegel. Oder vielleicht war es der ehrlichste. Denn es sagte: Nichts ist fest. Alles ist nur für einen Moment so.
Hans Castorp dachte, ohne dass er es wollte, an Dr. AuDHS, an dessen Blick, der beides sein konnte: streng und weich.
„Glauben Sie“, hatte er gesagt, „dass das, was Sie dort unten sehen werden, nicht automatisch Wahrheit ist, nur weil es schön ist.“
Hans Castorp sah auf die Schönheit der Stadt.
Und er fühlte, wie die Warnung in ihm arbeitete wie ein kleines, kaltes Werkzeug.