Abschnitt 8

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Als sie die Alpen hinter sich ließen, geschah etwas, das man nicht messen kann.

Die Luft wurde anders.

Nicht plötzlich, nicht dramatisch; eher wie ein Satz, der, mitten im Schreiben, unmerklich in eine andere Tonart kippt. Es war nicht mehr diese klare, trockene Kälte, die den Körper scharf macht. Es war eine weichere Wärme, eine Ahnung von Feuchtigkeit, eine Spur von Geruch, die nicht nach Wald, sondern nach Erde und Pflanze und – ja – nach etwas, das man, ohne sich lächerlich zu machen, nur „Süden“ nennen kann.

Hans Castorp sah aus dem Fenster.

Das Grün wurde dunkler.

Die Häuser wurden anders.

Die Menschen am Bahnhof standen anders.

Es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine merkwürdige Erfahrung, wenn man merkt, dass Kultur sich nicht nur in Büchern, sondern in Körperhaltungen zeigt: in der Art, wie jemand eine Zigarette hält, wie jemand spricht, wie jemand auf etwas wartet.

Gustav von A. sah aus dem Fenster, und man merkte, dass er nicht zum ersten Mal nach Süden fuhr. Er wirkte nicht neugierig. Er wirkte entschlossen.

„Sie kennen den Weg“, sagte Hans Castorp.

Gustav von A. nickte.

„Man kennt“, sagte er, „nicht den Weg. Man kennt die Versuchung.“

Hans Castorp schluckte.

„Und was ist die Versuchung?“ fragte er.

Gustav von A. sah ihn an.

„Dass man glaubt“, sagte er, „man könne unten etwas finden, das oben fehlte.“

Hans Castorp lächelte, bitter.

„Und kann man?“ fragte er.

Gustav von A. zuckte die Schultern.

„Man kann“, sagte er, „immer etwas finden. Die Frage ist nur, ob es das Richtige ist.“

Hans Castorp sah auf seinen Ring.

Der Ring zeigte Schritte.

Viele.

Er hatte heute schon mehr als zehntausend.

Er hatte nichts getan, als zu gehen, zu stehen, zu sitzen.

Sitzen ist das neue Rauchen, hatte Zieser gesagt. Aber Sitzen ist im Zug unvermeidlich. Der Mensch ist kein Lauftier, hatte Zieser gesagt. Er ist ein Geh-Trab-Tier. Und jetzt saß er, ein Geh-Trab-Tier im Stahlkäfig, und ließ sich tragen.

Er dachte: Der Ring zählt Schritte. Aber er zählt nicht, dass ich mich tragen lasse.

Er dachte: Der Ring zählt, dass ich gehe. Aber er zählt nicht, dass ich weggehe.

Er sah auf das Notizbuch.

Er nahm es heraus.

Er schrieb, ohne lange zu überlegen, einen Satz, der ihm einfiel, wie man früher eine Temperatur notiert hätte:

Der Berg geht mit.

Dann hielt er inne.

Er strich den Satz durch.

Er schrieb darunter:

Der Berg bleibt.

Dann hielt er wieder inne.

Er strich auch diesen Satz durch.

Er schrieb schließlich, klein, als dürfe es nicht laut sein:

Der Berg ist in mir.

Gustav von A. sah es nicht.

Oder er tat so.

Der Zug fuhr.

Und dann, nach einer Kurve, nach einem Tunnel, nach einem Augenblick Dunkelheit, in dem man sich selbst kurz verliert, erschien plötzlich am Horizont etwas, das Hans Castorp nicht erwartet hatte – und doch erwartet hatte, seit Gustav dieses Wort geschrieben hatte:

Wasser.

Nicht ein Fluss, nicht ein See.

Eine Fläche.

Eine glatte, graugrüne Fläche, die so groß war, dass sie nicht mehr wie ein Ding wirkt, sondern wie eine Bedingung.

Die Lagune, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist kein Ort. Sie ist ein Prinzip.

Hans Castorp sah sie nur kurz, weil der Zug weiterfuhr, weil Häuser und Pfosten und Gleise sich dazwischen schoben. Aber in diesem kurzen Blick lag etwas, das ihn traf, als wäre es ein altes Motiv, das endlich seinen Gegenstand gefunden hat.

Er roch, ganz schwach, einen Geruch, der nicht nach Berg roch.

Er roch Salz.

Oder er bildete es sich ein.

Einbildung ist, wie man weiß, eine der zuverlässigsten Realitäten.

Der Ring an seinem Finger glänzte.

Er zeigte, ungerührt, die Uhrzeit.

Er zeigte, ungerührt, die Herzfrequenz.

Er zeigte, ungerührt, die Schritte.

Hans Castorp sah auf den Ring und dachte, sehr langsam, sehr klar:

Er zählt alles.

Nur nicht das.

Und draußen, hinter dem Fenster, lag das Wasser, und es tat, was Wasser immer tut: Es spiegelte, ohne zu garantieren. Es löschte Zeit, ohne zu fragen.

Der Süden, dachte Hans Castorp, ist da.

Und er spürte, dass er, trotz aller Bestform, trotz aller bestforming-Rituale, trotz aller gelben und grünen Pulver, nicht vorbereitet war.

Das war die Wahrheit.

Und sie war schön.

Und unerquicklich.

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