Am Morgen stand der Wagen vor dem Haus.
Es war kein Bus. Es war kein Taxi. Es war ein Wagen, der so aussah, als gehöre er dem Hotel: dunkel, sauber, unpersönlich, mit einem Fahrer, der keine Stimme hatte, weil Stimmen in solchen Dienstleistungen nur stören.
Hans Castorp trat hinaus.
Die Luft war kalt, aber nicht mehr winterlich. Es war Frühsommer, jener merkwürdige Zustand, in dem das Hochland so tut, als könne es Frühling spielen, während es doch, in den Schatten, noch immer ein wenig Tod in sich trägt.
Er sah den orangefarbenen Rettungsring.
Er lag nicht mehr halb im Schnee, weil der Schnee verschwunden war; er lag nun auf einem sauberen Stein, als hätte man ihn an seinen Platz gelegt, damit er symbolisch bleibt. Auf ihm stand der Name des Hauses, schwarz auf Orange, Sonne auf Rettung.
Hans Castorp blieb einen Moment stehen.
Der Ring am Finger. Der Ring draußen.
Er dachte: Alles ringt.
Dann stieg er ein.
Gustav von A. saß bereits im Wagen. Er sah nicht aus dem Fenster. Er sah in sein Notizbuch.
„Guten Morgen“, sagte Hans Castorp.
Gustav von A. nickte, ohne aufzusehen.
„Morgen“, sagte er.
Der Wagen setzte sich in Bewegung.
Sie fuhren.
Zuerst durch das geordnete Gelände des Resorts, vorbei an den sauber gestutzten Hecken, den sauberen Wegen, den sauberen Versprechen. Dann hinaus auf die Straße, die sich in Kurven hinab wand.
Hans Castorp sah, wie die Sonnenalp hinter ihnen kleiner wurde.
Das Haus blieb.
Und doch verlor es, mit jeder Kurve, ein wenig von seinem Zauber.
So ist es mit Orten, verehrte Leserin, verehrter Leser: Solange man in ihnen ist, sind sie Welt. Sobald man sie verlässt, werden sie Landschaft. Und Landschaft ist weniger gefährlich, weil sie uns nicht mehr anspricht.
Der Wagen fuhr durch Wald.
Der Wald roch nach Erde.
Er roch nicht nach Desinfektion. Nicht nach Parfüm. Nicht nach Programm.
Hans Castorp atmete tief ein.
Er spürte, wie sein Körper die Luft wie eine Erinnerung nahm.
„Sie atmen“, sagte Gustav von A., ohne aufzusehen.
Hans Castorp lachte kurz.
„Ja“, sagte er. „Das gehört noch zum Programm.“
Gustav von A. schwieg.
Dann sagte er:
„Atmen ist kein Programm. Atmen ist ein Schicksal. Programme kommen später.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Sie hassen Programme“, sagte er.
„Nein“, sagte Gustav von A. „Ich benutze sie. Aber ich glaube ihnen nicht.“
Hans Castorp sah auf seinen Ring.
Er dachte an Dr. AuDHS: Glauben Sie dem Ring nicht alles.
„Und wohin glauben Sie?“ fragte Hans Castorp, und er hörte in seiner Frage den Wunsch, dass Gustav ihm etwas abnimmt.
Gustav von A. hob den Blick, sah kurz aus dem Fenster, als wolle er prüfen, ob die Welt noch da ist.
„Ich glaube“, sagte er, „an Wasser.“
Hans Castorp schluckte.
„Wasser?“ wiederholte er.
„Ja“, sagte Gustav von A. „Es ist das Einzige, was wirklich Zeit ist. Alles andere tut nur so.“
Hans Castorp schwieg.
Der Wagen fuhr weiter.
Die Kurven wurden weniger.
Die Landschaft öffnete sich.
Sie kamen ins Tal.
Das Tal war grün.
Grün, nicht blau.
Hans Castorp dachte an Morgenstern, an den Esel, an den Tiger, an den Löwen, an das blaue Gras. Er dachte daran, wie Dr. AuDHS ihnen gesagt hatte, dass System 1 ein schlechter Statistiker ist. Und er dachte: Vielleicht ist System 1 auch ein schlechter Geograph. Es hält alles, was unten ist, für Erlösung. Es hält alles, was schön ist, für Wahrheit.
Der Ring zeigte eine Herzfrequenz.
Sie war ruhig.
Hans Castorp fühlte sich nicht ruhig.
Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die erste kleine Ironie der Reise: Der Körper kann ruhig sein, und der Mensch kann unruhig sein. Und wenn man gelernt hat, dem Körper zu glauben, wird man vom eigenen Inneren überrascht.