Abschnitt 5

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Das Packen ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine der unerquicklichsten Tätigkeiten, weil es uns zwingt, unsere Bedürfnisse zu ordnen. Man muss entscheiden, was wesentlich ist, und man muss dabei unweigerlich erkennen, dass sehr wenig wesentlich ist – und dass wir trotzdem sehr viel mitnehmen, weil wir uns ohne Dinge nackt fühlen.

Hans Castorp stand in seiner Suite – Summit Suite, oder wie sie hieß –, und der Balkon mit Glasbrüstung lag draußen wie eine Bühne. Der QR-Code, mit dem man die Aussicht teilen konnte, war noch da. Der Himmel war klar. Die Berge standen, als hätten sie kein Verständnis für Reisen.

Auf dem Tisch standen die beiden Dosen.

Die gelbe. Die grüne.

Sonne und Gras.

Er sah sie an, und er spürte, wie lächerlich es ist, Pulver zu packen wie ein Sakrament, und wie ernst es zugleich ist, weil in dieser Lächerlichkeit sein neues Leben liegt.

Er nahm die gelbe Dose, schraubte sie auf. Der Geruch von Kurkuma stieg ihm entgegen, warm und fremd, als wäre Indien im Alpenhotel.

Er nahm die grüne Dose, schraubte sie auf. Ein feiner, grasiger Duft, Matcha, etwas Bitteres, etwas Junges.

Er schloss beide wieder.

Er stellte sie nebeneinander.

Er dachte: Wenn ich sie mitnehme, nehme ich den Berg mit. Wenn ich sie zurücklasse, lasse ich den Berg zurück.

Er sah auf den Ring.

Der Ring glänzte.

Er war das dritte Objekt, das unweigerlich mitging, weil es nicht einmal Gepäck war, sondern Körper.

Ring.

Pulver.

Notizbuch.

Drei Dinge.

Drei moderne Reliquien.

Er nahm das Notizbuch, steckte es in die Tasche.

Er nahm die Dosen.

Er stellte sich vor, wie er morgen früh in einem Zug sitzt und versucht, drei Gramm abzuwiegen. Er musste lachen. Es war ein leises Lachen.

Dann wurde er ernst.

Er öffnete die Schublade, in der die Fakirmatte lag, diese schwarze, spitze Fläche, die ihm in den letzten Nächten geholfen hatte, still zu liegen, so still, dass die Maschine ihn für schlafend hielt.

Er betrachtete sie.

Er stellte sich vor, wie er sie in Venedig ausbreitet, auf einem Bett, während draußen Wasser plätschert.

Er schloss die Schublade.

Nein, dachte er.

Nicht alles mitnehmen.

Er nahm stattdessen, fast unbewusst, das Holzstäbchen aus der Tasche seines Bademantels, das alte, lächerliche Leitmotiv, dieses Ding, das einmal ein Marshmallow-Stab gewesen war und dann ein Schreibgerät und dann ein Ausweis.

Er hielt es in der Hand.

„Damit kann man nicht schreiben“, hatte er gesagt.

„Doch“, hatte jemand geantwortet. „Wenn man bereit ist, dass es verwischt.“

Er steckte es ein.

Ja, dachte er.

Das verwischende Ding muss mit.

Denn wenn er nach Süden geht, dann geht er nicht nur in eine andere Landschaft, sondern in eine andere Art von Wahrheit – und Wahrheit verwischt.

Er packte.

Er packte nicht viel.

Ein paar Hemden. Ein paar Hosen. Ein Trainingszeug – und er musste über sich selbst den Kopf schütteln, weil Training inzwischen zu seiner Identität gehörte wie früher der Hut. Ein kleines Behältnis für Pulver, das er von der Küche hatte, ein Glas mit Schraubdeckel, in das er sich Portionen füllte, als sei er ein Apotheker seiner eigenen Gesundheit.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, das Moderne: Man reist nicht mehr mit Zahnbürste und Hemd; man reist mit Programmen.

Er schloss den Koffer.

Das Geräusch war trocken.

Es klang wie ein Urteil.

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