Abschnitt 4

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Hans Castorp blieb sitzen.

Er sah auf sein Notizbuch. Er sah auf den Ring. Er sah, in der Tiefe, auf die Halle, auf Kautsonik, der sich bewegte wie ein Uhrwerk.

Er dachte: Also gehen.

Und er dachte zugleich: Also wieder eine Empfehlung.

Denn war das nicht genau das, was diese Welt perfektioniert hatte? Dass sie selbst das Weggehen als Programm verkauft? Dass selbst der Bruch als Service organisiert wird?

Er stand auf.

Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie schnell man sich in Bewegung setzt, sobald ein Plan vorliegt. Der Plan wirkt wie eine Entlastung; er nimmt einem die Verantwortung ab, selbst zu wollen. Hans Castorp ging in Richtung Treppe, diesmal nicht zögernd.

Beim Hinuntergehen sah er den Leuchter von der Seite. Er sah, wie er aus einzelnen Gläsern bestand, aus vielen kleinen, perfekten Teilen, die zusammen ein großes Licht machen – und er dachte, dass dies vielleicht das Bild der Optimierung ist: Einzelteile verbessern, bis das Ganze glänzt.

Aber glänzen, dachte er, heißt nicht leben.

Er kam unten an.

Kautsonik war da.

Natürlich.

„Sie gehen“, sagte Kautsonik, ohne zu fragen.

„Ja“, sagte Hans Castorp.

Kautsonik nickte.

„Freude dem, der geht“, sagte er, und diesmal klang es nicht wie Routine, sondern wie ein Satz, den man jemandem sagt, der etwas Unanständiges tut: sich entziehen.

Hans Castorp zog den Umschlag noch einmal aus der Tasche, als müsse er beweisen, dass es nicht seine eigene Idee war.

Kautsonik sah ihn an.

„Sie brauchen nichts zu zeigen“, sagte er. „Ich glaube Ihnen auch so, dass Sie gehen.“

Hans Castorp lächelte.

„Sie glauben viel“, sagte er.

„Ich sehe viel“, erwiderte Kautsonik.

Hans Castorp spürte, wie ihm kalt wurde, obwohl die Halle warm war. Er dachte an Register, an Einträge, an Namen.

Kautsonik nahm ihm den Umschlag nicht ab. Er nahm ihm nicht das Gepäck ab. Er nahm ihm nur, mit einem Blick, einen Teil der Angst ab – oder er tat so.

„Sie reisen mit dem Herrn Gustav“, sagte Kautsonik.

„Ja“, sagte Hans Castorp.

„Ein Schaffender“, sagte Kautsonik, und das Wort klang in seinem Mund wie eine Mischung aus Respekt und Spott.

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie kennen ihn?“

Kautsonik zuckte die Schultern.

„Man kennt in Hotels“, sagte er, „die Leute nicht. Man kennt ihre Gewohnheiten. Er trinkt seinen Kaffee schwarz. Er sitzt immer am Rand. Er bezahlt pünktlich. Und er hat…“ – Kautsonik machte eine kleine Pause – „eine Art, zu schauen, als wäre alles, was er sieht, bereits Vergangenheit.“

Hans Castorp schluckte.

„Und ich?“ fragte er, fast kindlich.

Kautsonik sah ihn an.

„Sie“, sagte er, „tragen Ihren Namen wie eine Maske. Und Sie tragen Ihren Ring wie einen Schutzengel. Das ist eine moderne Kombination.“

Hans Castorp wollte etwas sagen, aber da hörte er hinter sich eine Stimme.

„Herr Doktor!“

Er drehte sich um.

Dr. AuDHS stand in der Halle, geschniegelt, unauffällig teuer, mit jener glatten Ruhe, die sagt: Ich bin hier nicht privat – und die, wenn man genauer hinsieht, doch einen Riss hat, eine kleine Unruhe, als wäre er nie ganz da, sondern immer schon in einem Gedanken.

Hans Castorp trat zu ihm.

„Herr Doktor“, sagte er, und er merkte, wie sehr ihm diese Anrede eine Stütze ist.

Dr. AuDHS lächelte.

„Sie gehen“, sagte er.

Es war merkwürdig, wie alle in diesem Haus „Sie gehen“ sagen konnten, ohne dass Hans Castorp es ihnen gesagt hatte. Als sei Weggehen, sobald es einmal in der Luft liegt, ein Gerücht, das sofort stimmt.

„Empfehlung“, sagte Hans Castorp.

Dr. AuDHS hob die Brauen.

„Wessen?“ fragte er.

Hans Castorp zögerte.

„Gustav“, sagte er.

Dr. AuDHS nickte langsam.

„Ah“, sagte er. „Süden.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie wissen alles“, sagte er, halb vorwurfsvoll, halb erleichtert.

Dr. AuDHS lächelte, und das Lächeln hatte, ganz kurz, etwas wie Müdigkeit.

„Ich weiß nicht alles“, sagte er. „Ich kenne nur Muster.“

„Und was ist dieses Muster?“ fragte Hans Castorp.

Dr. AuDHS sah zum Leuchter hinauf, als wolle er den Kreis betrachten.

„Das Muster“, sagte er, „ist, dass Menschen, wenn sie sich verbessern, irgendwann glauben, sie müssten sich auch verändern. Und Veränderung klingt immer nach Bewegung.“

Hans Castorp schwieg.

„Sie werden Ihren Ring tragen“, sagte Dr. AuDHS, und es war keine Frage.

Hans Castorp sah auf den Ring.

„Ja“, sagte er, und er wusste nicht, ob es Zustimmung oder Abhängigkeit war.

„Gut“, sagte Dr. AuDHS. „Dann tun Sie mir einen Gefallen.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Welchen?“ fragte er.

Dr. AuDHS beugte sich ein wenig vor, und in dieser Nähe spürte man den Riss: den privaten Ton in der professionellen Stimme.

„Glauben Sie dem Ring nicht alles“, sagte er leise. „Und glauben Sie dem Süden nicht alles.“

Hans Castorp lächelte.

„Und was soll ich glauben?“ fragte er.

Dr. AuDHS sah ihn einen Moment an, und dieser Blick, verehrte Leserin, verehrter Leser, war wieder bemerkenswert: nicht streng, nicht weich, sondern beides zugleich.

„Glauben Sie“, sagte er, „dass Sie auch dort oben waren. Dass der Berg in Ihnen bleibt. Und dass das, was Sie dort unten sehen werden, nicht automatisch Wahrheit ist, nur weil es schön ist.“

„Schön und unerquicklich“, murmelte Hans Castorp.

Dr. AuDHS nickte.

„Genau“, sagte er. „Und noch etwas.“

Hans Castorp wartete.

„Wenn Sie beginnen, sich selbst zu erzählen“, sagte Dr. AuDHS, „dann erzählen Sie nicht in Zahlen. Erzählen Sie in Sätzen. Sonst wird alles…“

Er machte eine kleine Pause, suchte ein Wort.

„…bestforming“, sagte er schließlich.

Hans Castorp lachte kurz.

„Sie machen sich lustig“, sagte er.

„Nein“, sagte Dr. AuDHS. „Ich diagnostiziere.“

Dann trat er zurück, als müsse er die Nähe wieder in Dienst verwandeln.

„Gute Reise“, sagte er. „Und: bleiben Sie langsam.“

Hans Castorp nickte.

Langsam.

System 2.

Er ging.

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