Abschnitt 3

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Gustav von A. trat ein.

Er trug keine Sportlichkeit. Er trug keinen Wellness. Er trug die Haltung eines Menschen, der sich selber als Werk versteht, nicht als Projekt. Er war geschniegelt, ja – aber nicht auf die Weise, die ein Hotel lehrt, sondern auf die Weise, die ein Leben lehrt, in dem Disziplin nicht aus einem Programm kommt, sondern aus einem inneren Zwang.

In seiner Hand hielt er ein Notizbuch.

Natürlich.

Er sah Hans Castorp, nickte kaum merklich und ging zu ihm, als sei das alles schon beschlossen.

„Sie sind pünktlich“, sagte er.

Es war keine Anerkennung. Es war ein Befund.

„Ich bin… trainiert“, sagte Hans Castorp, und er wusste selbst nicht, ob es ein Scherz war.

Gustav von A. setzte sich ihm gegenüber. Er legte das Notizbuch auf den Tisch, aber er schlug es nicht auf. Das war, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine kleine, beunruhigende Geste: Ein Notizbuch, das geschlossen bleibt, ist wie ein Mund, der nicht spricht.

„Sie haben hier… ein neues Leben begonnen“, sagte Gustav von A.

Hans Castorp zuckte die Schultern.

„Empfehlung“, sagte er.

Gustav von A. sah ihn an, und in diesem Blick lag, ganz kurz, etwas wie Müdigkeit.

„Empfehlungen“, sagte er, „sind überall. In der Küche, im Gym, im Bett. Und Sie nennen es Leben.“

Hans Castorp spürte den Tonio-Stich: warm und traurig zugleich.

„Und Sie?“ fragte er. „Sie nennen es… was?“

Gustav von A. schwieg einen Moment. Dann sagte er:

„Arbeit.“

Hans Castorp nickte, als hätte er es gewusst.

„Sätze“, sagte er leise.

Gustav von A. verzog den Mund kaum.

„Ja.“

Hans Castorp sah auf Gustavs Notizbuch.

„Wohin führen Sie Ihre Sätze?“ fragte er, und er hörte in der Frage den eigenen Hunger.

Gustav von A. blickte kurz zum Fenster hinaus, als sähe er, hinter dem Schnee, hinter dem Wald, schon eine andere Landschaft.

„Nach Süden“, sagte er.

„Weshalb?“ fragte Hans Castorp.

Gustav von A. hob die Hand, als wolle er eine Fliege wegwischen.

„Weil es dort… anders ist“, sagte er.

„Das ist eine Ausrede“, sagte Hans Castorp, und er war überrascht, dass er so sprechen konnte.

Gustav von A. sah ihn an.

„Ja“, sagte er ruhig. „Reisen sind Ausreden. Und manchmal sind Ausreden Rettungen.“

Hans Castorp lächelte, unwillkürlich. Es war ein Satz, der sowohl settembrinisch als auch aschenbachisch war: vernünftig und fatal zugleich.

„Sie wollen, dass ich mitkomme“, sagte Hans Castorp.

Gustav von A. sagte nicht „ja“.

Er sagte:

„Sie wollen gehen.“

Hans Castorp schwieg.

„Sie haben es in Ihr Notizbuch geschrieben“, fügte Gustav von A. hinzu, und Hans Castorp spürte, wie ihm das Herz einen kleinen, unsauberen Schlag machte, weil ihm plötzlich klar wurde, dass man in Bibliotheken nicht nur Bücher liest, sondern auch Menschen.

„Ich habe nicht…“ begann Hans Castorp.

Gustav von A. hob die Hand wieder.

„Ich habe nicht gelesen“, sagte er. „Ich habe gesehen.“

Und dann, als wolle er die Sache aus dem Moralischen ziehen, sagte er, ganz prosaisch:

„Morgen. Früh. Der Wagen zur Bahn geht um acht. Guest Relations hat es… organisiert.“

Hans Castorp musste, trotz allem, kurz lachen.

„Guest Relations“, sagte er.

„Ja“, sagte Gustav von A. „Es ist beruhigend, wenn die Welt sich kümmert, während man selbst flieht.“

Hans Castorp senkte den Blick.

„Ich fliehe nicht“, sagte er leise.

Gustav von A. sah ihn an.

„Natürlich nicht“, sagte er, und es war der freundlichste Satz, den er in diesem Tonfall sagen konnte.

Dann stand er auf.

„Packen Sie“, sagte er.

Hans Castorp hob den Blick.

„Was?“ fragte er.

Gustav von A. zögerte einen Moment, als müsse er sich entscheiden, ob er ironisch sein darf.

„Ihre Religion“, sagte er dann.

Und ging.

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