Abschnitt 2

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Die Bibliothek lag, wie immer, über der Halle, über dem Leuchter, über den ankommenden und gehenden Körpern – und dieser Ort hatte, seit Hans Castorp hier saß, etwas Sanatoriumhaftes: nicht, weil er nach Medizin roch, sondern weil er nach Zeit roch.

Bücher riechen nach Zeit.

Sie riechen nach Staub, nach Leim, nach den Händen anderer. Sie riechen nach Geduld. Und Geduld ist in einem Haus der Optimierung ein subversiver Duft.

Hans Castorp kam früh. Er hatte es eilig und wollte doch nicht eilig sein; eine jener modernen inneren Widersprüchlichkeiten, die entstehen, wenn man gelernt hat, dass man Stress reduzieren soll, und gleichzeitig gelernt hat, dass man Termine halten muss.

Er setzte sich an einen Tisch am Fenster, von dem aus man hinunter in die Halle sehen konnte. Der Leuchter hing dort unten wie ein eingefrorenes Fest. Menschen kamen, Menschen gingen. Kautsonik bewegte sich zwischen ihnen, als sei er selbst die unsichtbare Mechanik der Schwelle.

Hans Castorp zog sein Notizbuch hervor.

Es war nicht groß, nicht teuer. Es war, wenn man streng ist, ein bürgerlicher Gegenstand: Papier, das sich weigert, von selbst zu leuchten.

Er hatte es seit Kapitel 9 – seit „System 2“ – in der Tasche getragen wie eine neue Art von Identität. Denn während der Ring am Finger ihn mit Zahlen versah, die ihn zugleich beruhigten und beschämten, gab ihm dieses Notizbuch die Möglichkeit, etwas anderes zu tun: nicht messen, sondern sagen. Nicht protokollieren, sondern formulieren.

Er schlug es auf.

Auf der ersten Seite stand, etwas schief, etwas groß, als hätte er sich selbst Mut machen müssen:

System 2.

Darunter, später hinzugefügt, in einer anderen Stimmung, in kleinerer Schrift:

Nicht alles zählen.

Und darunter – das war neu, das hatte er gestern Abend geschrieben, nachdem Kautsonik ihm die Register gezeigt hatte –, stand ein Satz, der so simpel war, dass er fast peinlich wirkte:

Gehen.

Er strich, ohne es zu merken, mit dem Finger über das Wort, als könne man gehen üben, indem man ein Wort berührt.

Der Ring an seinem Finger glänzte.

Er war, verehrte Leserin, verehrter Leser, in Bestform.

Das ist ein Satz, den Hans Castorp früher nie über sich hätte sagen können, weil er entweder zu eitel oder zu bescheiden gewesen wäre, um ihn zu glauben; und weil „Form“ in seinem alten Leben ein ungenauer Begriff war, ein vages Gefühl, das zwischen Müdigkeit und Wohlsein schwankte. Jetzt war Form messbar. Sie war Muskelanteil, Schlafquote, Schrittzahl, RHR, HRV, Blutdruckkurve. Sie war, wie Dr. Porsche gesagt hätte, eine Aufgabe.

Und er hatte sie erfüllt – oder erfüllte sie, Tag für Tag, mit jener bürgerlichen Beharrlichkeit, die im Gym plötzlich heroisch wirkt, weil sie Schweiß erzeugt.

Sein Körper war nicht mehr weich in jener Art, die man in Hotels als Komfort verkauft. Er war straff, ohne hart zu sein; die Schultern standen nicht mehr defensiv, sondern wie selbstverständlich; der Rücken war nicht mehr nur eine Stütze, sondern ein Gefühl. Die Brust hob sich, ohne zu prahlen. Die Haut war, durch Kälte und Luft und Training, klar geworden. Seine Beine, die früher einfach Beine gewesen waren, hatten Kontur, als hätten sie ein eigenes Urteil.

Und doch, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist es genau in solchen Momenten der vermeintlichen Vollkommenheit, dass etwas anderes, etwas Unmessbares, sich bemerkbar macht: der Hunger nach dem, was nicht optimiert werden kann.

Hans Castorp, der Deserteur mit dem Ring, saß da und sah auf ein Wort: Süden.

Er dachte an Gustav von A., der dieses Wort in ein Notizbuch geschrieben hatte, als müsse er sich selbst daran erinnern, wohin er gehört. Er dachte an den Ton, in dem Gustav gesagt hatte: „Sätze.“ Er dachte an das Wort „schaffen“, das ihm wie eine Münze in eine leere Schale gefallen war.

Denn wer schafft, darf bleiben.

Wer nicht schafft, bleibt verdächtig.

Er dachte an Morgenstern, an dessen Lilien, an dessen Blutegel. Er dachte an das stille Heldentum, das darin liegt, jeden Tag respektvoll zu sprechen, wenn man eigentlich spöttisch sein möchte; und an das laute Heldentum, das darin liegt, zu gehen, wenn man eigentlich bleiben möchte.

Er dachte: Vielleicht ist Weggehen auch nur eine Ausrede.

Dann sah er, wie die Tür der Bibliothek aufging.

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