Abschnitt 9

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Hans Castorp sah auf den Satz an der Wand.

Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.

Er dachte an Kautsoniks kleine Ergänzung im Backoffice: Und Pflicht dem, der bleibt.

„Sie haben recht“, sagte Hans Castorp plötzlich. „Der Satz lässt etwas aus.“

Kautsonik hob die Brauen.

„Welcher Satz?“, fragte er, als sei er ein Mann, der nichts voraussetzt.

Hans Castorp deutete nach oben.

„Der da“, sagte er.

Kautsonik sah hin. Sein Blick war müde, aber klar.

„Ach der“, sagte er. „Ja. Der ist schön. Schön ist immer verdächtig.“

Hans Castorp lächelte. Es war ein Lächeln ohne Freude.

„Freude dem, der kommt“, sagte er.

„Ja“, sagte Kautsonik.

„Freude dem, der geht“, sagte Hans Castorp.

Kautsonik nickte.

„Ja“, sagte er. „Aber die meisten wollen nicht gehen. Die meisten wollen bleiben. Und die, die gehen müssen…“ Er machte eine kleine Pause und sah auf die Lilien. „Die gehen nicht freiwillig.“

Er sagte den Satz so, wie er ihn am Neujahrstag gesagt hatte, als wäre er ein Refrain, den man nie loswird. Und Hans Castorp empfand, dass dieser Satz, in der Nacht, noch schwerer war.

„Und Sie?“, fragte Hans Castorp.

Kautsonik sah ihn an.

„Ich“, sagte er, „will gehen. Aber ich will es… hier.“

Hans Castorp verstand. Er verstand mit einer Art körperlicher Klarheit: Der Mann, der alle Abreisen registriert, will seine eigene Abreise registrieren lassen, als wäre sie ein ordentlicher Vorgang.

„Warum hier?“, fragte er.

Kautsonik blickte in die Halle, als sähe er nicht Holz und Licht, sondern Jahrzehnte.

„Weil ich hier gebraucht wurde“, sagte er. „Das ist meine bürgerliche Wärme. Andere haben Familien. Ich habe Gäste. Das ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, aber es ist wahr. Und wenn man schon keine Lilien hat, dann ist man froh, wenn man wenigstens…“ Er suchte wieder nach einem Wort. „…nützlich ist.“

Hans Castorp spürte den Tonio-Stich. Warm und traurig zugleich.

„Das ist doch…“, begann er.

Kautsonik hob die Hand.

„Nein“, sagte er. „Mitleid brauchen Sie nicht. Mitleid ist eine schlechte Währung. Sie wissen das.“

Hans Castorp nickte. Er dachte an die Frau aus der Walpurgisnacht, an ihre Augen, an ihr spöttisches Lächeln.

„Und“, sagte Kautsonik, und seine Stimme wurde leiser, „es ist auch nicht nur Pathos. Es ist… praktisch. Ich kenne hier jeden Schatten. Ich kenne jede Tür. Ich kenne jeden Schritt. Ich kenne den Rhythmus. Wenn ich irgendwo sterben soll, dann da, wo ich den Rhythmus kenne.“

Rhythmus. Zeit. Zauberberg. Hans Castorp spürte, wie die Dinge sich in ihm zusammenzogen.

„Sie verkaufen hier Langlebigkeit“, sagte er.

Kautsonik lächelte schief.

„Ja“, sagte er. „Und ich verkaufe Abschied.“

Hans Castorp schwieg.

Kautsonik stand da, unter dem Satz an der Wand, unter dem Leuchter, unter der warmen Inszenierung; und Hans Castorp sah plötzlich, wie absurd es war, wie komisch und wie abgründig: dass in einem Haus, das aus der Angst vor dem Tod ein Programm gemacht hat, der treueste Mensch der ist, der den Tod als letzten Dienst wählt.

Kautsonik löste die Hand vom Tresen, ganz langsam, als sei es eine Übung. Er richtete sich, ein wenig zu gerade.

„Der Herr“, sagte er, und die alte Höflichkeit kehrte zurück wie ein Uniformknopf, „sollte schlafen. Schlaf ist…“ Er machte eine kleine Pause, als habe er in den Vorträgen des Hauses aufgepasst. „…Hygiene.“

Hans Castorp lächelte.

„Ja“, sagte er. „Das habe ich gehört.“

Kautsonik nickte.

„Dann“, sagte er, „gehen Sie.“

Hans Castorp blieb noch einen Moment stehen. Er sah auf den Satz an der Wand. Er sah auf die Lilien. Er sah auf Kautsonik, der stand, als wäre Stehen sein letzter Widerstand gegen das Verschwinden.

Dann drehte er sich um.

Er ging.

Und während er ging, dachte er – langsam, willentlich, System zwei – dass vielleicht das, was bei ihm Lilie ist, nicht im Haus liegt, nicht im Programm, nicht im Ring, nicht im Pulver, nicht im Logbuch.

Vielleicht liegt es im Gehen.

Am nächsten Morgen lag das Logbuch noch immer da.

Die Überschrift: Die fünf Vorsätze.

Darunter: Weiß.

Hans Castorp nahm das Holzstäbchen.

Er schrieb nicht.

Er legte es hin.

Und zum ersten Mal empfand er, dass das Nicht-Schreiben nicht nur Flucht war, sondern Entscheidung.

Denn auch das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, ein Vorsatz:

Nicht alles eintragen zu lassen.

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