In der Nacht – denn natürlich muss, verehrte Leserin, verehrter Leser, in einem Zeitroman die Nacht wiederkommen, damit man spürt, dass der Tag nicht alles ist – wachte Hans Castorp auf. Er wusste nicht, warum. Vielleicht hatte der Ring vibrierend etwas gemessen; vielleicht hatte sein Körper, der ehrliche, einfach das Bedürfnis, sich zu vergewissern, dass es noch dunkel ist.
Er stand auf, ging leise durch die Suite, trank ein Glas Wasser. Das Wasser schmeckte nach nichts, und gerade das war beruhigend. Er sah auf den Tisch, auf dem das Logbuch lag, mit der Überschrift „Die fünf Vorsätze“ und dem Weiß darunter. Er nahm das Holzstäbchen, hielt es in der Hand, und stellte es wieder hin. Schreiben schien ihm, in dieser Nacht, zu laut.
Er zog sich einen Bademantel über – der Bademantel als Uniform der Wahrheit – und ging hinaus.
Die Flure waren still. Die Teppiche schluckten Schritte. Man hörte nur, fern, das Summen der Technik, dieses beruhigende Summen, das sagt: Alles ist unter Kontrolle.
Er ging die Treppe hinab.
Die Halle war dunkler als am Tag, aber nicht dunkel. In Häusern wie diesen wird die Dunkelheit gedimmt, nicht zugelassen. Das Licht unter dem Leuchter brannte noch, warm und golden, als wolle es nicht schlafen. Die Lilien standen da wie Wächterinnen.
Und hinter dem Tresen stand Kautsonik.
Er stand.
Er stand, als hätte er nie aufgehört zu stehen. Er trug kein Sakko mehr. Sein Hemd war offen am Kragen. Seine Schultern sahen, ohne die formale Rüstung, schmaler aus. Er hielt sich mit einer Hand am Tresen fest, nicht offensichtlich, aber so, dass Hans Castorp es sah. Und in seinem Gesicht lag etwas, das am Tag nicht da gewesen war: ein grauer Ton, ein Hauch von Schmerz, der nicht dramatisch war, sondern schlicht.
Hans Castorp blieb stehen.
„Kautsonik“, sagte er leise.
Kautsonik hob den Blick. Er lächelte nicht. Aber er nickte.
„Der Herr“, sagte er, und die Höflichkeit war wie ein Reflex, „ist wach.“
„Ja“, sagte Hans Castorp. „Und Sie… sind auch wach.“
Kautsonik sah auf die Uhr. Nicht auf eine Uhr am Handgelenk – er trug keine. Er trug keine Messung. Er sah auf eine Uhr an der Wand, altmodisch, analog, als hätte sie sich geweigert, digital zu werden.
„Ich bin immer wach“, sagte er.
Hans Castorp trat näher.
„Warum stehen Sie?“, fragte er, und er wusste, dass die Frage unhöflich war.
Kautsonik zuckte mit den Schultern. Die Bewegung war klein, aber sie kostete ihn etwas.
„Weil ich es kann“, sagte er. „Noch.“
Hans Castorp schwieg. Er sah, wie Kautsonik, ganz kurz, die Hand vom Tresen löste und dann wieder auflegte, als hätte die Hand sich erschreckt vor ihrer eigenen Schwäche.
„Sie könnten sich setzen“, sagte Hans Castorp.
Kautsonik schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er. „Wenn ich mich setze, komme ich nicht wieder hoch. Das ist…“ Er suchte das Wort. „…Symbolik, ja. Aber es ist auch Physiologie. Der Körper lernt schnell. Man muss ihm keine schlechten Lektionen geben.“
Hans Castorp dachte an Zieser: „First things first, second things never.“ Er dachte: Kautsonik hat seine eigenen Vorsätze.
„Sie sind krank?“, fragte er leise.
Kautsonik lachte kurz. Es war ein trockenes Lachen, das fast weh tat.
„Krank“, sagte er. „Hier? In einem Haus, das aus Krankheit ein Programm gemacht hat? Nein, der Herr. Ich bin nicht krank. Ich bin…“ Er machte eine Pause. „…alt. Und alt sein ist, wie Dr. Porsche sagen würde, kein Zustand, sondern eine Aufgabe.“
Hans Castorp schluckte.
„Und Ihre Aufgabe ist… stehen“, sagte er.
Kautsonik nickte.
„Ja“, sagte er. „Meine Aufgabe ist, die Schwelle zu halten. Bis sie mich hält.“