Abschnitt 7

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Sie gingen zurück in die Halle.

Die Halle war, nach dem Backoffice, plötzlich wieder Theater. Das Licht war zu schön, das Holz zu warm, die Luft zu parfümiert. Die Gäste bewegten sich darin wie Figuren, die nicht merken, dass sie gespielt werden.

Kautsonik trat hinter den Tresen, als wäre er nie weg gewesen. Und sofort war er wieder der Portier, der Schwellenmensch, der höfliche Wächter.

Eine Frau kam auf ihn zu, geschniegelt, mit einem Lächeln, das nach Anspruch roch.

„Entschuldigung“, sagte sie, „wir hätten gern ein anderes Kissen. Das hier ist…“

„Zu weich?“, sagte Kautsonik.

Die Frau blinzelte. Sie hatte nicht erwartet, verstanden zu werden, bevor sie sich erklärt hatte.

„Ja“, sagte sie.

Kautsonik nickte, als sei das die einfachste Sache der Welt.

„Natürlich“, sagte er. „Weich ist heute überall. Manchmal braucht man Härte, um zu schlafen.“

Er sagte es so trocken, dass es wie ein Witz klang. Und es war doch wahr.

Hans Castorp stand einen Schritt zurück und sah zu. Er sah, wie Kautsonik mit einem Griff in eine Schublade eine Karte zog, wie er etwas notierte, wie er eine Nachricht an jemanden schickte – und wie die Frau, die eben noch anspruchsvoll gewesen war, plötzlich dankbar wurde, weil sie sich gesehen fühlte.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Kunst der Guest Relations: Man gibt dem Menschen das Gefühl, er sei einzigartig, indem man ihn in ein Feld einträgt.

Ein Kind rannte vorbei, stolperte fast, fing sich. Die Mutter rief erschrocken. Kautsonik sah nicht hin, aber er wusste es. Er wusste alles, was in dieser Halle geschah, weil sein Körper darauf eingestellt war wie ein Messgerät.

Hans Castorp empfand einen Anflug von Bewunderung. Und wieder diesen Tonio-Stich: warm und traurig zugleich. Denn Bewunderung ist oft die Form, in der Sehnsucht sich tarnt.

„Sie sind gut“, sagte er leise.

Kautsonik antwortete nicht sofort. Er lächelte nur, als hätte Hans Castorp etwas Komisches gesagt.

„Ich bin da“, sagte er schließlich. „Das ist alles. Da sein ist mein Beruf.“

Hans Castorp nickte. Da sein. Der Zauberberg war ein Roman des Da-Seins gewesen. Und Hans Castorp war damals geblieben. Er war geblieben, bis die Zeit selbst ihn verschluckte.

Er sah auf den Satz an der Wand.

Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.

Und er sah, als sähe er zum ersten Mal, dass zwischen den beiden Sätzen, ganz unmerklich, ein kleines schwarzes Auge war: eine Kamera, diskret in die Holzverkleidung eingelassen. Das Auge war so klein, dass es nicht stören wollte. Und gerade deshalb war es so mächtig.

Hans Castorp spürte, wie ihm der Rücken kalt wurde.

„Sie sehen alles“, sagte er.

Kautsonik folgte seinem Blick. Er nickte.

„Nein“, sagte er. „Nicht ich. Die Technik. Ich sehe nur Gesichter. Die Technik sieht Zeit. Und Zeit ist das, was die Leute hier bezahlen.“

Hans Castorp dachte an Dr. Porsche: „Ärztliche Gespräche werden je nach Zeitaufwand abgerechnet.“ Zeitaufwand. Hier wurde alles nach Zeitaufwand abgerechnet. Auch die Freundlichkeit.

„Und wenn ich…“, begann Hans Castorp.

Kautsonik sah ihn an.

„Wenn der Herr gehen will“, sagte er ruhig, „dann gehen Sie.“

Hans Castorp blinzelte. Der Satz war so einfach, dass er fast wehtat.

„So einfach?“, fragte er.

Kautsonik lächelte.

„Nein“, sagte er. „Nicht einfach. Aber klar. Die Leute verwechseln schwer mit unklar. Dabei ist schwer oft sehr klar.“

Hans Castorp schwieg. Er dachte an System zwei. Er dachte an Morgenstern, der Grenzen zieht. Er dachte an die fünf Vorsätze, die er noch nicht geschrieben hatte. Er dachte an seine weißen Flecken.

Er dachte: Vielleicht ist Gehen auch ein Vorsatz.

Und während er das dachte, sah er, wie ein Mann, schlank, in einem Mantel, der nicht nach Sport roch und nicht nach Wellness, sondern nach Stadt, durch die Halle ging. Der Mann ging nicht wie ein Gast, der ankommt, sondern wie jemand, der schon da ist, auch wenn er gerade erst kommt. Er trug ein Notizbuch unter dem Arm.

Gustav von A., dachte Hans Castorp, oder jemand wie er.

Der Mann blieb nicht stehen. Er ging weiter, als sei die Halle nur eine Zwischenstation. Und Hans Castorp empfand, wie ein kleiner Zug in ihm nach Süden zeigte, ohne dass er wusste, warum.

Kautsonik folgte seinem Blick.

„Ah“, sagte er.

Hans Castorp sah ihn an.

„Kennen Sie ihn?“, fragte er.

Kautsonik zuckte mit den Schultern.

„Ich kenne alle“, sagte er. „Ich kenne nicht ihr Inneres. Aber ich kenne ihre Ankunft. Und ihre Abreise.“

Er sagte „Abreise“ mit einer Betonung, die Hans Castorp nicht gefiel.

„Und Ihrer?“, fragte Hans Castorp, und er hörte selbst, dass die Frage zu weit ging.

Kautsonik lächelte nicht.

„Meine Abreise“, sagte er, „wird hier stattfinden.“

Hans Castorp schluckte.

Kautsonik richtete, ganz unmerklich, wieder sein Hosenbein. Ein kleines Zupfen. Ein kleines Schmerzzeichen.

„Der Herr“, sagte er, und seine Stimme wurde wieder geschäftlich, „braucht sonst noch etwas? Ein anderes Kissen? Eine andere Welt?“

Hans Castorp lächelte, und das Lächeln war nicht froh.

„Nein“, sagte er. „Nur…“ Er brach ab.

„Nur?“, fragte Kautsonik.

Hans Castorp sah auf die Lilien. Er dachte an Dr. AuDHS’ Satz: „Sonst werden Sie Wald.“ Wald ist schön, aber kalt.

„Nur ein bisschen Weiß“, sagte er.

Kautsonik nickte, als verstehe er.

„Weiß“, sagte er. „Das gibt es hier genug. Schnee, Papier, Decken. Aber Vorsicht: Weiß ist auch die Farbe der Listen.“

Hans Castorp nickte langsam.

Er ging.

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