Abschnitt 6

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„Warum zeigen Sie mir das?“, fragte er.

Kautsonik sah einen Moment auf den Bildschirm, dann wieder auf Hans.

„Weil der Herr bleiben könnte“, sagte er.

Hans Castorp spürte, wie die Luft im Raum sich veränderte.

„Bleiben?“, wiederholte er.

Kautsonik nickte.

„Langzeitgäste“, sagte er. „Sie wissen: man kommt für drei Nächte und bleibt. Es ist die Regel. Nicht die Ausnahme. Und wenn man bleibt, dann wird man…“ Er suchte ein Wort, das nicht brutal klang. „…Teil des Hauses.“

Teil des Hauses. Das klang nach Zugehörigkeit. Und nach Gefangenschaft.

„Und“, sagte Kautsonik, „wenn man Teil des Hauses wird, dann ist es besser, wenn man weiß, wie das Haus arbeitet.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie glauben also…“, begann er.

Kautsonik hob die Brauen.

„Ich glaube nichts“, sagte er. „Ich registriere.“

Registriere. Ein Wort, das zugleich freundlich und polizeilich sein kann.

Hans Castorp spürte, wie ihm ein alter, kalter Schatten über den Rücken lief. Nicht der Schatten des Krieges selbst, sondern der Schatten der Listen. Der Schatten der Namen. Der Schatten jener deutschen Leidenschaft für Ordnung, die immer so tut, als sei sie harmlos, bis sie es nicht mehr ist.

„Gestapo“, dachte er, ohne es zu denken; und er schämte sich sofort für den Gedanken, weil er wusste, dass Kautsonik kein Gestapo-Mann war, sondern ein alter Concierge. Aber die Moderne, verehrte Leserin, verehrter Leser, arbeitet gern mit harmlosen Gesichtern.

Kautsonik sah ihn an, als hätte er das Wort gehört, obwohl es nicht gefallen war.

„Es ist nicht böse“, sagte er leise. „Es ist nur… konsequent. Ein Haus wie dieses lebt von Wissen. Und Wissen“, er deutete auf die Monitorzeile, „ist heute immer digital. Digital heißt: kopierbar. Und kopierbar heißt: nicht mehr in Ihrer Hand.“

Hans Castorp nickte langsam. System zwei, dachte er. Langsam denken. Nicht in Panik.

Er sah wieder auf den Bildschirm.

Er sah sein Profil, und plötzlich empfand er etwas, das Tonio in ihm zum Klingen brachte: eine Sehnsucht, rührend und unerquicklich zugleich. Denn da stand, zwischen all den Feldern, etwas wie Fürsorge. Man hatte sich gemerkt, dass er Ruhe wollte. Man hatte sich gemerkt, dass Feuerwerk ihn erschreckte. Man hatte sich gemerkt, dass er nachts nicht gestört werden wollte. Das war – wenn man milde ist – liebevoll.

Und genau das war die Gefahr. Denn Liebe macht abhängig.

„Was ist mit dem, der bleibt?“, fragte Hans Castorp leise, mehr zu sich als zu Kautsonik.

Kautsonik lächelte, als hätte er die Frage schon vor Jahren erwartet.

„Der, der bleibt“, sagte er, „hat keine Zeile an der Wand. Der hat Arbeit. Der hat Routine. Der hat…“ Er machte eine kleine Pause. „…Bindung.“

Bindung. Das Wort klang, in diesem Raum, wie Handschellen aus Samt.

Er trat an die Wand, an der der Satz in geschwungener Schrift auch hier, im Backoffice, in kleinerer Form hing – als hätte man ihn ins Innere kopiert, damit die Mitarbeiter nicht vergessen, was sie spielen müssen.

Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.

Kautsonik nahm einen Stift aus der Schublade. Er schrieb, ohne zu zögern, unter den Satz, ganz klein, fast unsichtbar:

Und Pflicht dem, der bleibt.

Er trat zurück.

„So“, sagte er.

Hans Castorp starrte auf die neue Zeile. Sie war keine Kunst, sie war keine Literatur, sie war nur eine Korrektur. Und doch empfand Hans Castorp, dass in dieser Korrektur mehr Wahrheit lag als in manchem Vortrag im Musikzimmer.

„Das dürfen Sie?“, fragte er.

Kautsonik zuckte mit den Schultern.

„Ich bin Rentner“, sagte er. „Ein Renter. Ein gemieteter Rentner. Ich darf mehr, als die Jungen glauben. Und weniger, als ich möchte.“

Hans Castorp lächelte, aber es war ein Lächeln ohne Freude.

„Und Sie wollen… bleiben“, sagte er.

Kautsonik sah ihn an, und in seinem Blick lag plötzlich, ganz kurz, etwas Weiches. Ein Riss. Menschlichkeit.

„Ich will stehen“, sagte er.

Hans Castorp verstand nicht sofort. Dann verstand er. Denn Kautsonik hatte es schon gesagt, am Neujahrstag, zwischen Stollen und Champagner: dass er in der Empfangshalle im Stehen sterben wolle, wenn es nach ihm ginge.

„Warum?“, fragte Hans Castorp.

Kautsonik sah auf seine Hände. Die Hände waren dünn, aber sie waren ordentlich. Er sah auf seine Beine – und Hans Castorp sah, dass die Bewegung, das kleine Zupfen am Hosenbein, nicht nur eine Gewohnheit gewesen war. Es war ein Schmerz. Oder ein Druck. Oder ein Zeichen.

„Weil Sitzen“, sagte Kautsonik, und hier klang er für einen Moment wie Zieser, „das neue Sterben ist. Man sitzt, man sinkt, man verschwindet. Ich will nicht verschwinden, indem ich sinke.“

Hans Castorp schwieg. Er dachte: Ein Haus, das Langlebigkeit verkauft, hat einen Mann, der Sterben als Haltung versteht.

Kautsonik schloss den Ordner, drehte den Monitor zurück.

„Kommen Sie“, sagte er. „Genug Kulisse. Der Betrieb wartet.“

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