Historie. Das Wort klang hier nicht wie Geschichte, sondern wie Akte.
„Sie führen… Historien?“, fragte Hans Castorp.
Kautsonik lächelte trocken.
„Wir führen alles“, sagte er. „Wir führen Listen. Wir führen Namen. Wir führen Wünsche. Wir führen Beschwerden. Wir führen, wenn es sein muss, auch Tränen.“
Hans Castorp schluckte. Er dachte an Dr. Porsche, der Zeitaufwand abrechnete. Hier war Zeitaufwand ein Feld.
Kautsonik setzte sich nicht. Er stand. Im Backoffice standen Stühle, ja, aber Kautsonik stand, als wäre Sitzen ein Verrat.
„Der Herr“, sagte er, „ist neugierig. Das ist selten.“
Hans Castorp lächelte. Neugier. Ein Wort, das bei ihm immer eine Form von Flucht gewesen war.
„Ich…“, begann er.
Kautsonik hob wieder die Hand.
„Der Herr muss sich nicht erklären“, sagte er. „Ich erkläre. Dafür bin ich da. Guest Relations. Beziehungspflege. Und, wenn man ehrlich ist: Spurenpflege.“
Er zog einen Ordner aus dem Regal. Er war alt. Leder, abgewetzt, mit einem Gummiband, das zu modern wirkte, um zu passen. Kautsonik legte ihn auf den Tisch und öffnete ihn.
Innen waren Seiten, handgeschrieben, sauber, mit Tinte. Namen. Daten. Zimmernummern. Kleine Bemerkungen am Rand.
Hans Castorp beugte sich vor.
„Das ist…“, sagte er.
„Das war“, sagte Kautsonik. „Früher. Als man noch glaubte, dass Schreiben privat ist. Heute schreiben wir nicht mehr. Heute tippen wir. Und das Tippen“, er tippte mit dem Finger auf den Monitor, „geht nicht mehr weg.“
Hans Castorp dachte an den Ring. An die Schritte. An die Nächte. An die weiße Zeile im Logbuch.
„Wer schreibt, der bleibt“, sagte er leise, und der Satz klang hier anders als bei Zieser. Er klang nicht nach Training, sondern nach Verhaftung.
Kautsonik sah ihn an.
„Ja“, sagte er. „Und wer schreibt, der wird auch gefunden, wenn jemand suchen will.“
Hans Castorp spürte einen kleinen Schweißfilm auf der Haut.
Kautsonik schlug eine Seite auf. Hans sah Namen. Er sah Handschriften, die unterschiedlich waren, und er empfand plötzlich, dass jede Handschrift ein Körper ist. Manche waren schwungvoll, manche kleinlich, manche zittrig. Eine war so fein, dass sie fast verschwinden wollte.
„Das“, sagte Kautsonik und zeigte auf eine zittrige Schrift, „war eine Dame. Sie kam jedes Jahr. Sie war freundlich. Sie hat immer gesagt: ‚Ich bin so gern hier.‘ Und jedes Jahr hat sie ein bisschen mehr nach Krankenhaus gerochen.“
Hans Castorp schwieg.
„Sie ging“, sagte Kautsonik. „Nicht aus dem Haus. Aus der Welt. Und ich habe ihren Namen hier.“ Er klopfte auf das Papier. „Das ist alles, was bleibt.“
Hans Castorp dachte: Das ist Guest Relations. Beziehung zum Verschwinden.
Kautsonik schloss den Ordner wieder, langsam, als lege er einen Menschen zu.
„Und jetzt“, sagte er, und seine Stimme wurde wieder sachlicher, „sehen Sie sich das an.“
Er drehte einen Monitor so, dass Hans Castorp ihn sehen konnte.
Auf dem Bildschirm erschien ein Profil. Oben stand ein Name. Darunter: Zimmer, Aufenthaltsdauer, Status. Darunter: Präferenzen.
Hans Castorp sah.
Er sah sein eigenes Profil.
Er sah – und das war der Stich – nicht sein Leben, sondern seine Kategorien. Er sah, dass man ihn, ohne Böswillen, auf eine Liste gebracht hatte.
Präferenz: Ruhe.
Aversion: Feuerwerk.
Programm: Dr. Porsche.
Aktivität: GYMcube, 3s i5.
Ernährung: DefaultOptimum (Deload/Refeed).
Notiz: „Bitte keine Anrufe nach 21 Uhr.“
Hans Castorp starrte auf den Satz.
„Bitte keine Anrufe nach 21 Uhr.“
Er hatte das nie gesagt. Oder hatte er? Vielleicht hatte er es einmal, beiläufig, als hätte es keine Bedeutung. Vielleicht hatte er es gesagt, weil er nachts seine Diastole messen musste, weil er seine Gedankenautobahn beruhigen wollte, weil er, in Wahrheit, Angst hatte vor klingelnden Geräten. Und nun stand es da, als sei es ein Wesenszug.
„Das ist…“, begann er.
„Service“, sagte Kautsonik.
Hans Castorp lachte kurz. Es war kein fröhliches Lachen.
„Service“, wiederholte er.
Kautsonik nickte.
„Ja“, sagte er. „Man merkt sich Dinge. Das ist höflich. Und es ist Kontrolle. Beides zugleich.“
Er sah Hans Castorp an, und in diesem Blick lag keine Drohung, sondern etwas, das fast Mitleid war: die Erkenntnis, dass der Gast sich gerade selbst als Datensatz gesehen hatte.
„Der Herr“, sagte Kautsonik, „hat Angst vor Sichtbarkeit.“
Hans Castorp spürte, wie ihm der Satz in den Magen fiel.
„Ich…“, sagte er.
„Nein“, sagte Kautsonik ruhig. „Sie müssen nicht. Ich sehe das. Ich sehe das, weil ich seit Jahrzehnten sehe. Ich sehe, wenn jemand nicht fotografiert werden will. Ich sehe, wenn jemand keine Rechnung per E-Mail will. Ich sehe, wenn jemand seinen Namen nicht hören will.“
Hans Castorp schluckte.
„Und was tun Sie?“, fragte er.
Kautsonik lächelte wieder, trocken.
„Ich tue, was ich immer tue“, sagte er. „Ich halte die Schwelle. Ich lasse durch, was durch darf. Und ich halte zurück, was zurück soll. Ich bin Portier. Guest Relations ist nur…“ Er zuckte mit den Schultern. „…die moderne Maske.“
Maske.
Hans Castorp dachte an Venedig, ohne zu wissen warum. Maske. Verjüngung. Verfall. Wasser. Zeit.