Abschnitt 3

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„Guten Morgen“, sagte Kautsonik, als Hans Castorp vor dem Tresen stand.

„Guten Morgen“, sagte Hans Castorp.

Kautsonik sah ihn an, nicht aufdringlich, aber präzise. Er sah die Haltung, die Schultern, die Ruhe in der Bewegung. Er sah – und das war sein Talent – das, was nicht gesagt werden musste.

„Der Herr“, sagte er, „ist… in Form.“

Hans Castorp lächelte. In Form. Ein Wort, das früher nach Tanzkurs klang und heute nach Rettung.

„Man tut, was man kann“, sagte Hans Castorp.

Kautsonik hob die Brauen.

„Das ist schon viel“, sagte er trocken. „Die meisten tun, was das Haus kann.“

Hans Castorp spürte einen kleinen Stich, weil der Satz, in seiner Trockenheit, so wahr war. Er dachte an Dr. Porsche, an Pläne, an Pulver, an die Sprache, die Thermostat geworden war.

Kautsonik zog eine kleine Karte aus einer Schublade. Es war keine Postkarte, kein Gruß, sondern ein Stück Papier, auf dem in sauberer Schrift etwas stand. Er legte es hin, wie man in einem guten Hotel Dinge hinlegt: nicht wie eine Forderung, sondern wie ein Angebot, das doch nicht abzulehnen ist.

„Wir haben da“, sagte er, „eine kleine Formalität.“

Formalität. Ein Wort, das nach Büro riecht und doch, in Hans Castorps Kopf, nach Kasernenplatz.

Er beugte sich vor, sah auf das Papier.

Es war ein Ausdruck aus dem System: Name, Zimmernummer, Aufenthaltsdauer, ein paar Felder, die man ankreuzen konnte. Darunter eine Zeile für die Unterschrift.

„Ist das nötig?“, fragte Hans Castorp, und er hörte selbst, dass die Frage mehr war als eine Frage. Sie war ein Reflex.

Kautsonik nickte.

„Langzeitgäste“, sagte er. „Das Haus…“ Er machte eine kleine Pause. „…liebt Ordnung. Und die Gemeinde liebt Ordnung. Sie wissen: Meldeschein.“

Hans Castorp nickte langsam. Meldeschein. Ja. Man meldet sich an. Man meldet sich ab. Man wird gemeldet.

„Es ist nichts“, sagte Kautsonik, als hätte er Hans Castorps inneres Zucken gesehen. „Nur Papier.“

Nur Papier.

Hans Castorp dachte an Tonio, an das Schreiben, an die Wärme und die Traurigkeit, die in einem Satz wohnen können. Papier ist nie nur Papier. Papier ist Spur.

Er spürte, wie der Ring an seinem Finger warm wurde, als sei er lebendig. Er wusste nicht, ob es Einbildung war oder ob das Gerät tatsächlich seine Hauttemperatur registrierte; aber er hatte, seit Dr. Porsche, gelernt, dass Einbildung und Messung sich in solchen Dingen gern die Hand geben.

„Ich…“, begann er.

Kautsonik hob die Hand, ganz leicht.

„Der Herr muss sich nicht erklären“, sagte er. „Er muss nur unterschreiben. Er muss nicht sagen, wer er ist. Er muss nur bestätigen, dass er so heißt, wie er hier heißt.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Das ist ein Unterschied“, sagte Kautsonik.

Hans Castorp schwieg. Er dachte: Ja. Das ist der Unterschied zwischen Name und Alias. Zwischen Leben und Papier.

Er nahm den Stift, der am Tresen lag – ein richtiger Stift, kein Holzstäbchen, kein Stylus, sondern ein banaler Kugelschreiber. Er setzte an.

Seine Hand zitterte nicht. Aber innerlich, irgendwo hinter dem Brustbein, zitterte etwas, das älter war als er selbst: die Angst, dass Schreiben finden macht.

Er unterschrieb.

Kautsonik nahm das Papier, ohne es anzusehen, und legte es auf einen Stapel, der schon aus vielen Namen bestand.

„Danke“, sagte er, und das Danke klang bei ihm nicht wie Dankbarkeit, sondern wie Abschluss.

Hans Castorp atmete aus.

Er fühlte sich, merkwürdig genug, erleichtert – und in dieser Erleichterung lag bereits die moderne Falle: Man ist dankbar, wenn die Kontrolle nur formal ist.

„Und“, sagte Kautsonik, als sei dies nun erst der Anfang, „wenn der Herr fünf Minuten hat…“

„Fünf Minuten“, wiederholte Hans Castorp.

Kautsonik lächelte diesmal, ganz klein.

„Ich weiß“, sagte er. „Zeit ist hier oben… anders. Aber fünf Minuten sind fünf Minuten. Kommen Sie.“

Er öffnete eine kleine Tür neben dem Tresen. Früher hätte da vielleicht „Privat“ gestanden. Heute stand dort, in neutraler Schrift: Staff Only.

Staff Only. Das war, wenn man streng ist, die moderne Form des „Verboten“.

Kautsonik hielt die Tür auf.

Hans Castorp zögerte.

Dann trat er ein.

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