Abschnitt 2

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Er ging hinaus, die Hand am Geländer des Flurs, der Teppich unter seinen Füßen so weich, als wolle er sagen: Bleib. Und während er ging, vibrierte der Ring, ganz leicht, nicht wie eine Nachricht, sondern wie ein kleines, zufriedenes Summen: Schritte, dachte Hans Castorp; und er musste lächeln, weil es unerquicklich ist, wie schnell man beginnt, sich über das Gehen zu freuen, wenn es gezählt wird.

Er ging, ohne Ziel, wie man in Häusern geht, in denen man zu viel Ziel hat. Er ging, bis er – wie von selbst – die Bibliothek erreichte.

Die Bibliothek lag, wie eine moralische Empore, über der Empfangshalle. Wer hier oben stand, stand nicht nur räumlich über den Dingen, sondern auch begrifflich: Bücher sind, selbst wenn sie nur Dekor sind, ein Drohpotential. Sie erinnern daran, dass Worte länger leben als Aufenthalte.

Hans Castorp trat an das Geländer.

Unten war die Halle.

Sie war, wie immer, eine Inszenierung von Wärme: Holz, Licht, dieses freundliche Sonnenantlitz im Empfangstresen, das so tat, als könne man die Natur in ein Logo verwandeln. In der Mitte stand der runde Tisch mit dem verwundenen Wurzelfuß, auf dem die hohen Kelche standen, bereit, als sei jeder Tag ein Anlass. Daneben die metallene Schale, bootartig, gondelartig, als wolle sie, ohne es zu wissen, schon nach Süden zeigen; und darin, in ordentlicher Auslage, lag – heute nicht Stollen, sondern ein Arrangement aus Früchten, Nüssen, kleinen, „artgerechten“ Häppchen, die so taten, als seien sie Natur, obgleich sie doch Küche waren.

Die weißen Lilien standen noch immer da.

Lilien haben, wie wir wissen, etwas von Sterben. Sie sind die Blumensprache der Endlichkeit, geschniegelt und teuer. Und dass man sie in einem Haus, das Langlebigkeit verkauft, so gern aufstellt, war entweder eine geschmackliche Zufälligkeit oder ein unbewusstes Geständnis.

An der Wand, über dem Empfangstresen, stand der Satz in geschwungener Schrift:

Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.

Hans Castorp las ihn.

Er las ihn jetzt anders als beim ersten Mal. Damals hatte er gedacht: Was ist mit dem, der bleibt? Heute dachte er: Was ist mit dem, der nicht gehen darf? Und was ist mit dem, der nicht kommen wollte?

Denn das Kommen, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist in solchen Häusern selten freiwillig. Es ist Empfehlung. Es ist Diagnose. Es ist Sehnsucht. Und das Gehen – das Gehen ist Rechnung.

Unten bewegten sich Menschen.

Eine Familie kam herein, geschniegelt, Kinder in hellen Jacken, die schon nach Eis und späterer Unordnung rochen. Ein Paar ging hinaus, langsam, mit jenem kleinen Zug im Gesicht, der sagt: Wir haben hier etwas versucht, und wir wissen nicht, ob es geholfen hat. Ein Mann im Bademantel – der Bademantel ist hier, wie im Zauberberg, eine Uniform – schlich zur Wasserstation, als schleiche er zu einem Altar.

Und hinter dem Tresen stand Kautsonik.

Er stand, wie er immer stand: gerade, leicht nach vorn geneigt, als wolle er dem Haus entgegengehen. Seine Hände lagen auf der Holzfläche, ruhig, aber nicht entspannt; die Ruhe war bei ihm nie Lässigkeit, sondern Disziplin. Er trug – obwohl es drinnen warm war – ein Sakko, das ein wenig zu groß wirkte, als hätte er abgenommen oder als hätte das Leben ihm den Körper ausgedünnt. Sein Gesicht war schmaler geworden, seit Hans ihn kannte; die Haut um die Augen war dünn, und in den Augen selbst lag diese Mischung aus Müdigkeit und Wachheit, die man bei Menschen sieht, die zu lange an Schwellen gearbeitet haben: Sie sind immer bereit, aber sie haben keine Überraschungen mehr.

Hans Castorp sah, wie Kautsonik sich, ganz unmerklich, einmal am Hosenbein zu schaffen machte – ein kleiner Griff, ein kleines Zupfen, als richte er etwas, das drückte. Dann stand er wieder still.

Er war, dachte Hans Castorp, der treueste Bewohner dieses Hauses. Nicht Dr. Porsche, nicht Dr. AuDHS, nicht Zieser – die alle kommen und gehen können, weil sie von außen legitimiert sind –, sondern Kautsonik, der geblieben war und bleiben wollte.

Und gerade in diesem Moment hob Kautsonik den Blick.

Es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, unerquicklich, wie schnell man sich ertappt fühlt, wenn jemand nach oben sieht. Hans Castorp stand dort wie ein Kind, das heimlich beobachtet. Kautsonik aber lächelte nicht. Er nickte nur einmal, knapp, als sei es ein Termin.

Dann hob er die Hand und machte eine kleine Bewegung, die so eindeutig war, dass man sie nicht missverstehen konnte:

Kommen Sie.

Hans Castorp blieb einen Moment stehen. Er hatte, seit er desertiert war, gelernt, dass jede Aufforderung eine Gefahr enthalten kann, auch wenn sie freundlich ist. Und er hatte, seit er in der Sonnenalp lebte, gelernt, dass jede freundliche Aufforderung eine Dienstleistung sein kann, also eine Rechnung.

Er ging die Treppe hinab.

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