Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, Wörter, die sich anfühlen, als seien sie aus dem Englischen übersetzt, weil man sich ihrer auf Deutsch schämt. „Guest Relations“ ist ein solches Wort. Es klingt nach lächelnder Dienstbarkeit, nach einer warmen Hand am Ellbogen, nach einem diskreten „Darf ich Ihnen helfen?“, und es ist doch, wenn man es genau nimmt, ein Verwaltungsbegriff: Relation ist Beziehung, ja, aber Relation ist auch Akte, Vermerk, Zuordnung, eine Art mathematischer Satz, in dem A zu B steht – und das ist in der Moderne nie nur Zuneigung, sondern immer auch Zugriff.
Früher, als Hotels noch Hotels sein durften, hatte man Portiers. Portier – das klingt nach Tür, nach Schwelle, nach demjenigen, der öffnet und schließt, der den Übergang bewacht und dabei so tut, als sei er nur höflich. Heute hat man Guest Relations Manager. Das klingt nach Psychologie, nach Bindung, nach „Erlebnis“, und gerade deshalb ist es gefährlicher. Denn wer Beziehungen managt, der managt nicht nur Gepäck, sondern Menschen; nicht nur Koffer, sondern Geschichten.
Hans Castorp hatte, seit er in diesem Hochland des Komforts lebte, gelernt, dass jedes neue Wort ein neues Gesetz sein kann. „Recovery-Modus“ war ein Gesetz, „Programm“ war ein Gesetz, „Longevity“ war ein Gesetz; und „bestforming“ – dieses kleine, lächerliche Kunstwort, das so tat, als sei es ein freundlich-sportlicher Imperativ – war am Ende nichts anderes als die modernisierte Form des alten Zauberberg-Prinzips: Bleib, damit wir dich erklären dürfen.
Er saß am Morgen – es war ein Morgen, der schon nach Frühling roch und doch noch nicht den Mut des Sommers hatte – an seinem Tisch, auf dem das Logbuch lag. Der Ring, dieses diskrete Auge, saß an seinem Finger, matt und unaufdringlich, als wolle er behaupten, er sei Schmuck. Daneben lag das Holzstäbchen; und daneben, in einer Weise, die wie ein schlechter Witz wirkte, die gelbe Dose und die grüne Dose: Sonne und Gras, dachte Hans Castorp; und er musste, trotz allem, kurz an Morgenstern denken, an das Display, auf dem das Gras blau gewesen war.
Oben auf dem Blatt stand, in etwas krakeliger Schrift:
Die fünf Vorsätze.
Darunter war Weiß.
Weiß ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine merkwürdige Farbe. Sie ist Reinlichkeit und Auslassung zugleich; sie ist die Farbe der Decke im Liegestuhl und die Farbe des Verschwiegenen. Sie ist Schnee – und sie ist Papier. Man kann auf Weiß alles schreiben. Und man kann alles ungeschrieben lassen. Beides ist gefährlich.
Hans Castorp hielt das Holzstäbchen zwischen Daumen und Zeigefinger, als sei es ein Stift und eine Waffe zugleich. Er dachte an Dr. AuDHS’ Satz: „Dann müssen Sie herausfinden, was bei Ihnen Lilie ist.“ Lilie. Das Wort hatte etwas Feierliches, fast Lächerliches, und doch war es in ihm hängen geblieben, wie ein Duft, der nicht weg will.
Er hatte keine Lilien. Keine Frau. Keine Kinder. Keine bürgerliche Verpflichtung, die ihn, wie Morgenstern, sofort zu System zwei zwingen konnte. Er hatte stattdessen Rituale. Und Rituale sind eine Ersatzfamilie: Sie sind zuverlässig, sie widersprechen nicht, sie verlangen nicht, dass man sich entschuldigt. Sie sind – wenn man streng ist – die bequemste Form der Einsamkeit.
Er setzte die Spitze des Holzstäbchens an das Papier.
Er schrieb nichts.
Er legte es wieder hin.
Dann stand er auf.
Das Aufstehen war, in seinem Körper, leicht geworden. Die Monate der Hypertrophie, die Zieser ihm beigebracht hatte – die Kniebeuge als archaische Demut, das Bankdrücken als bürgerliche Konfrontation, der Klimmzug als Menschenaffen-Logik, der Königssatz als kleine, tägliche Krönung – hatten aus ihm einen Mann gemacht, dessen Rücken nicht mehr nach Rückzug aussah. Seine Schultern standen anders. Sein Brustkorb war nicht mehr die sanfte, blasse Fläche des Temperaturmenschen, sondern eine Art formgewordener Entscheidung. Und doch – das war die Ironie – war er innerlich noch immer derselbe Mann der Zwischenräume: zwischen Name und Alias, zwischen Schuld und Selbstschutz, zwischen Blickbarkeit und Maske.