Als sie zurückkamen, standen sie wieder unter dem Leuchter. Das elektrische Licht machte keine Schatten, und doch, dachte Hans Castorp, hat alles Schatten. Selbst eine Liste.
Morgenstern verabschiedete sich von Hans, weil er mit seiner Familie in den Kinderbereich wollte – das ist eine moderne Institution, die zugleich rührend und unerquicklich ist: Man delegiert die Kindheit an Programme, damit man selbst wieder ein Programm sein kann. Frau Morgenstern nickte Hans zu, freundlich, kurz; die Kinder winkten, und das ältere sagte: „Tschüss, Hans“, als hätte sie beschlossen, ihn in ihre Welt aufzunehmen, wenigstens für einen Tag.
Dr. AuDHS blieb einen Moment bei Hans stehen.
„Und?“, fragte er.
Hans Castorp zuckte die Achseln. „Ich…“ Er suchte nach Worten, und das Suchen war schon System zwei. „…ich habe heute… etwas gesehen.“
„Ja“, sagte Dr. AuDHS. „Sie haben gesehen, dass Optimierung nicht bei der Diastole endet.“
Hans Castorp nickte.
„Sie sind gut im Muskel“, sagte Dr. AuDHS. „Sie sind gut im Plan. Sie sind gut im Wiederholen. Das ist Ihre Stärke.“
Hans Castorp dachte: Das ist auch mein Fluch. Aber er sagte es nicht.
Dr. AuDHS sah ihn an, lange genug, um zu zeigen, dass er es ohnehin dachte.
„Wenn Sie wollen“, sagte er, „schreiben Sie es auf.“
„Was?“
„Die Vorsätze“, sagte Dr. AuDHS. „Nicht, weil Sie sie brauchen wie Morgenstern – Sie haben keine Lilien, die Sie sofort zwingen. Aber weil Schreiben, wie Sie inzwischen wissen, Widerstand ist. Wer schreibt, der bleibt.“
Hans Castorp spürte, wie ihm bei diesem Satz etwas warm wurde, und er wusste nicht, ob es Stolz war oder Traurigkeit. Vielleicht beides. Vielleicht ist das, dachte er, Tonio: warm und traurig zugleich.
„Und der Blutegel?“, fragte Hans Castorp, weil er es noch nicht losließ.
Dr. AuDHS lächelte schief. „Der Blutegel“, sagte er, „ist selten ein böser Mensch. Er ist oft nur ein Mensch mit einem großen Hunger und einem kleinen System zwei. Aber Sie müssen ihn trotzdem nicht füttern. Ihre Aufgabe ist nicht, jeden Hunger zu stillen. Ihre Aufgabe ist, Ihre Lilien nicht verhungern zu lassen.“
Hans Castorp nickte wieder. Und dann, weil er plötzlich etwas begriff, fragte er leise: „Und wenn man keine Lilien hat?“
Dr. AuDHS sah ihn an, und in seinem Blick lag ein Riss, genau jener Riss, den Dr. Porsche hatte, wenn er zwischen warm und professionell schwankte. Es war ein Riss aus Menschlichkeit.
„Dann“, sagte er, sehr ruhig, „müssen Sie herausfinden, was bei Ihnen Lilie ist. Sonst werden Sie irgendwann selbst Blutegel. Oder Sie werden Wald.“
Wald. Hans Castorp verstand nicht ganz, aber er spürte, dass es wahr war: Wald ist schön, aber kalt. Wald ist allein.
Dr. AuDHS klopfte ihm, ganz unärztlich, auf die Schulter und ging.
Hans Castorp blieb stehen, unter dem Leuchter, in der Lobby, in der Mitte des Hauses, und fühlte sich merkwürdig leicht und merkwürdig schwer zugleich.