Abschnitt 5

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Es vibrierte nicht laut, es klingelte nicht – moderne Geräte sind diskret, aber diskret heißt nicht harmlos; es heißt nur, dass der Angriff leise ist. Morgenstern griff in die Tasche, zog es hervor, sah auf das Display, und man sah, wie sich in seinem Gesicht etwas veränderte.

Ein kleiner Zug um den Mund. Ein kurzes Verhärten der Stirn. Der Blick, der sich nach innen richtet.

„Wer ist es?“, fragte Frau Morgenstern ruhig.

Morgenstern zögerte eine Sekunde. Und dieses Zögern, verehrte Leserin, verehrter Leser, war bereits System zwei. Denn System eins hätte gelogen oder explodiert. System zwei zögert, weil es rechnet.

„Herr Bender“, sagte Morgenstern.

Der Name sagte Hans Castorp nichts. Aber er sah, wie Frau Morgensterns Augen für einen Moment enger wurden, nicht böse, sondern wachsam. In dieser Verengung lag die ganze Geschichte, die Hans nicht kannte.

„Der Blutegel“, sagte Dr. AuDHS trocken, als lese er aus einem Protokoll.

Morgenstern zuckte zusammen, halb belustigt, halb ertappt. „Ja“, sagte er leise. „Also… ja.“

Das Telefon vibrierte erneut. Eine Nachricht. Noch eine.

Morgenstern sah hin. Sein Daumen wollte schon, wie von selbst, tippen. System eins.

Dr. AuDHS beobachtete ihn. Man konnte förmlich sehen, wie er in seinem Kopf eine Kurve zog: Puls, Stress, Muster.

„Was will er?“, fragte Dr. AuDHS.

Morgenstern las. „Er schreibt…“ Er schluckte. „…dass ich ihm sofort helfen muss. Es ist dringend. Und dass ich…“ Er verzog den Mund. „…dass ich es ihm versprochen habe.“

„Haben Sie?“, fragte Dr. AuDHS.

„Nein“, sagte Morgenstern, fast wütend. „Natürlich nicht. Ich… ich habe mal gesagt: Wenn du brauchst, melde dich. So. So ein Satz. Und jetzt…“

„Ah“, sagte Dr. AuDHS. „Ein Satz, der blaues Gras behauptet.“

Hans Castorp dachte an das Kapitel „Das blaue Gras“, an die Stelle, an der Morgenstern noch ein Esel gewesen war, ein Affe in Smoking und Eselmaske, und an die fünf Vorsätze, die damals wie ein Heilmittel aufgeschrieben wurden. Die Wiederkehr war nicht zufällig. In diesem Haus war nichts zufällig, was sich wiederholte.

Frau Morgenstern nahm das jüngere Kind an die Hand. Sie sagte nichts. Aber ihre Hand war eine Erinnerung: Hier sind die Lilien.

Morgenstern atmete ein. Man sah, wie er den Atem fast zählen wollte, als sei es eine Übung.

„Respekt“, murmelte er. Und dann, etwas lauter, als spräche er nicht nur zu sich, sondern zu seinem System eins: „Respekt.“

Er steckte das Telefon nicht weg. Er hielt es. Er hielt es, wie man eine Schlange hält: vorsichtig, aber fest.

„Was ist Respekt jetzt?“, fragte Hans Castorp, und er wusste selbst nicht, warum er fragte; vielleicht, weil er lernen wollte, was man nicht messen kann.

Morgenstern sah ihn an. In seinem Blick lag ein kurzer, fast komischer Ernst. „Respekt ist“, sagte er, „dass ich nicht so tue, als wäre es egal, dass er schreibt. Aber auch…“ Er blickte zu seiner Frau. „…dass ich nicht so tue, als wäre es wichtiger als…“ Er brach ab, weil das Wort „Familie“ hier zu schwer gewesen wäre.

Dr. AuDHS nickte. „Mitgefühl?“

„Mitgefühl“, sagte Morgenstern, und es klang, als müsse er es sich selbst beweisen. „Mitgefühl heißt: Ich sehe, dass er Panik hat. Aber ich… ich muss nicht seine Panik lösen.“

Frau Morgenstern hob die Brauen, ganz leicht. Das war Zustimmung.

„Verantwortung?“, fragte Dr. AuDHS.

Morgenstern lachte kurz, ohne Humor. „Verantwortung heißt: Ich habe ihm beigebracht, dass das funktioniert. Ich habe ihn… gefüttert.“

„Sicherheit?“, fragte Dr. AuDHS.

Morgenstern schluckte. „Sicherheit heißt: Ich mache das nicht jetzt. Nicht hier. Nicht vor den Kindern.“

„Partnerschaftlichkeit?“, sagte Dr. AuDHS.

Morgenstern sah seine Frau an. Und in diesem Blick lag plötzlich etwas, das Hans Castorp, der Mann der Zwischenräume, als eine der seltenen, schönen Dinge erkannte: eine stumme Bitte um Hilfe, die keine Schwäche ist, sondern Vertrauen.

Frau Morgenstern nickte einmal. „Ich bin da“, sagte sie. Es war kein großes Wort. Aber es war alles.

Morgenstern tippte.

Er tippte nicht viel. Kein Roman, keine Rechtfertigung, keine Diskussion über grünes oder blaues Gras. Er schrieb, knapp, höflich, wie man eine Grenze zieht.

Dann steckte er das Telefon weg.

Es vibrierte weiter, aber in der Tasche vibrierte es wie ein Insekt, das man nicht füttert.

„Und jetzt?“, fragte Hans Castorp.

Morgenstern atmete aus. Er sah zu seinen Kindern, die inzwischen wieder einen Käfer betrachteten, als wäre die Welt nicht kompliziert. „Jetzt“, sagte er, „gehe ich weiter.“

Dr. AuDHS lächelte, und das Lächeln war nicht spöttisch, sondern anerkennend. „Sie haben gerade“, sagte er, „System zwei eingeschaltet. Das ist anstrengend. Aber, wie Zieser sagt: Muskelaufbau ist einfach, aber hart. Und Beziehung ist…“ Er machte eine kleine Pause, als suche er nach dem richtigen Wort. „…noch härter.“

Hans Castorp empfand einen Stich. Nicht, weil er widersprechen wollte, sondern weil er wusste, dass er keine Übung darin hatte.

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