Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, in der modernen Sitte der Selbstverbesserung eine Eigentümlichkeit, die zugleich rührend und unerquicklich ist: dass der Mensch, dieses zeitgebundene, zwischen Hunger und Idee schwankende Wesen, an gewissen Daten – bevorzugt am ersten Januar, aber auch an Montage, Geburtstagen, Urlaubsanfängen und, wenn es hoch hergeht, nach einem besonders peinlichen Abend – glaubt, er könne sich neu beginnen, als sei er ein Gerät, das man ausschaltet, zurücksetzt und wieder einschaltet, worauf es dann, geschniegelt und frisch, die alte Störung vergessen haben werde.
Die Vorsätze gehören zu diesen Daten, zu diesen kleinen Schaltstellen der Moral. Man macht sie, weil man glauben möchte, dass das Leben wie ein Plan zu behandeln sei; und man schreibt sie auf, weil man glauben möchte, dass Schrift Macht habe über Blut, Gewohnheit und jene eigensinnige Trägheit des Gemüts, die man gern „Charakter“ nennt, obgleich sie oft nur Angst ist, die sich eingerichtet hat. Und so hat sich denn die alte, feierliche Sache der Gelübde – die einst im Kloster, vor Gott und Tod, ausgesprochen wurde – in unserer Zeit verwandelt in Bulletpoints, in übersichtliche Listen, in „Notizen“-Apps, die sich mit einem kleinen Häkchen versehen lassen.
Das ist unerquicklich, weil es kleinlich klingt; es ist aber auch rührend, weil es wahr ist. Denn der Mensch kann, wenn er überhaupt etwas kann, sich nur durch Wiederholung ändern. Er wird nicht gut durch Erleuchtung, sondern durch Übung. Und Übung, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist die unscheinbare Schwester der Gnade: nicht so schön, nicht so feierlich, aber zuverlässig.
Hans Castorp wusste das nicht. Oder er wusste es, ohne es zu wissen, wie er vieles wusste, seit er in diesem Haus der Programme wohnte, in dem selbst die Luft in einem Kalender stand. Er war in den letzten Monaten – und wie schnell sind Monate, wenn man sie nicht zählt, und wie langsam, wenn man sie zählt! – zu einer Art exemplarischem Gast geworden: nicht, weil er sich hervortat durch Reden, sondern durch das stillere, heutzutage fast aufdringliche Hervortun, das man „Konsequenz“ nennt.
Er hatte Rituale übernommen: die Langlebigkeitszeremonie am Morgen, das Training im GYMcube, die Schritte, die Mahlzeiten, die Messungen, die kleinen chemischen Sakramente. Er hatte sich, mit einer Mischung aus kindlicher Folgsamkeit und bürgerlicher Findigkeit, in eine Ordnung begeben, deren Versprechen nicht Heilung war, sondern Optimierung – und er hatte, man darf es sagen, Nutzen daraus gezogen.
Doch in der letzten Nacht hatte er, aus einem Impuls, der tiefer lag als Trotz, einen kleinen weißen Fleck gelassen.
Der Ring, Dr. Porsches diskretes Auge, hatte ihn zwar getragen; oder vielleicht hatte er ihn auch nicht getragen – die Erinnerung war, wie so oft, weniger ein Film als ein Gefühl. In jedem Fall war etwas zwischen ihn und das Wissen getreten. Er hatte nicht notiert. Er hatte nicht nachgesehen. Er hatte den Wert nicht wie eine Hostie in das Logbuch gelegt. Es blieb eine Zeile frei, ein kleines Nichts in der Ordnung, und dieses Nichts hatte, merkwürdig genug, Gewicht gehabt.
Am Morgen lag der Ring – ob am Finger oder auf dem Tisch, das ist nicht entscheidend, denn entscheidend ist, dass er da war – und Hans Castorp spürte, bevor er irgendetwas sah, jene leichte Unruhe des modernen Bewusstseins: die Unruhe darüber, dass etwas nicht gemessen worden ist.
Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie schnell die Moral der Geräte in uns einzieht. Man glaubt, man sei frei, weil man entscheidet; und merkt erst spät, dass man entscheidet, weil ein kleiner Kreis aus Metall und Algorithmus es erwartet.
Hans Castorp blieb einen Moment im Bett liegen, sah auf den helleren Streifen, den die Vorhänge in das Zimmer schnitten, und dachte, ohne es zu denken: Vielleicht ist das Nichtwissen auch eine Form von Hygiene. Vielleicht ist es sogar die einzige, die nicht verkauft wird.
Dann stand er auf, duschte, zog sich an – nicht mehr hastig, nicht mehr verschämt, sondern mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die entsteht, wenn der Körper eine Ordnung gefunden hat, in der er sich nicht dauernd entschuldigen muss – und ging hinunter zum Frühstück.