Am Abend, als die Sonne schon tiefer stand und das Haus – die Sonnenalp – sich in jenes warme, goldene Licht legte, das alles teurer aussehen lässt, kehrte Hans Castorp zurück.
Er ging durch die Lobby, unter dem Leuchter hindurch, und er empfand, wie unerquicklich es ist, dass ein Leuchter, der nur Dekor sein will, plötzlich wie ein Auge wirkt. Die Kerzenlichter brannten still, gleichmäßig, ohne Flackern; und Hans Castorp dachte, dass die gleichmäßige Helligkeit etwas Überwachendes hat. Die alte Kerze flackert, sie hat Fehler, sie hat Weiß dazwischen. Das elektrische Licht ist lückenlos.
Oben, in seiner Suite, legte er den Ring auf den Tisch.
Er lag dort wie ein kleiner, geschlossener Kreis.
Ein Kreis, der alles schließen will.
Hans Castorp setzte sich aufs Bett, nahm die Manschette – die Maschine, die am Abend kommt, wie ein korrekt gekleideter Bote – und sah sie an.
Er hätte messen können. Er hätte schreiben können. Er hätte den Wert in das Logbuch setzen können wie eine Hostie.
Er tat es nicht.
Nicht aus Trotz, sondern aus einem Impuls, der tiefer lag: dem Wunsch, einmal nicht vollständig zu sein.
Er stand auf, ging ins Bad, duschte, legte den Bademantel an – der Bademantel als moderne Uniform des Gesundseins – und ging dann, fast mechanisch, zu der Fakirmatte, die Dr. AuDHS ihm hatte schicken lassen: die Matte, die sticht, die Nackenrolle, die drückt, die „psychosomatische Meditation“, wie AuDHS es genannt hatte.
Er legte sich darauf.
Das Stacheln war sofort da, dieser kleine Schmerz, der nicht verletzt, aber erinnert. Es war, als würde der Körper sagen: Ich bin da. Ich bin nicht nur Zahl.
Hans Castorp atmete.
Er dachte an die Geschichte mit dem Chamäleon am Bergsee, an die Gedankenautobahn, an das Glas, das zerspringt, an die Liegestühle am Wasser. Er dachte an Peter, der schlafen kann, weil er sich wegträumt.
Er dachte: Wenn ich den Ring nicht trage, wird niemand wissen, ob ich schlafe.
Und dann, ganz unwillkürlich, dachte er: Niemand wird wissen, dass ich existiere.
Es war ein alter Gedanke. Ein Gedanke aus dem Krieg. Ein Gedanke aus der Desertion.
Er spürte, wie ihm kalt wurde, nicht äußerlich, sondern innerlich. Die Angst ist immer kälter als der Schnee.
Er schloss die Augen.
Er versuchte, langsam zu denken.
Ein weißer Fleck, dachte er. Nur ein Abend. Ein Loch. Ein Rand.
Er wusste nicht, ob er das darf. Und gerade deshalb tat er es.
Er blieb auf der Matte liegen, bis der Schmerz sich in etwas anderes verwandelte: in Wärme. Dann stand er auf, legte sich ins Bett – ohne Manschette, ohne Ring, ohne Logbuch.
Er lag im Dunkeln.
Draußen, irgendwo, knirschte Schnee von einem Dach – der letzte Winter, der sich noch nicht ergeben wollte.
Drinnen brannte kein Leuchter. Drinnen war nur die Dunkelheit, die nicht überwacht.
Hans Castorp hörte seinen Atem.
Er wartete darauf, dass das Gerät ihm sagt: du schläfst.
Kein Gerät sagte es.
Und schließlich, verehrte Leserin, verehrter Leser, schlief er.
Nicht tief. Nicht lang. Aber – und das ist die eigentliche Provokation – ohne Beweis.