Er ging später, nachdem er die Morgenliturgie absolviert hatte (Pulver abwiegen, gurgeln, Bitter, Hibiskus und Weißtee, grasgrünes Langlebigkeitspulver, Tabletten wie kleine Versprechen), hinab in das Haus, in jene Empfangs- und Zwischenräume, in denen sich Identität immer neu bestätigen muss, damit sie nicht in Frage gestellt wird.
Die Sonnenalp lag in einem jener Zustände, die die Hotellerie liebt: weder still noch laut, sondern „angenehm belebt“. Man hörte Schritte auf Stein, das diskrete Surren von Türen, das sanfte Klirren von Gläsern, und irgendwo – als Erinnerung an die Nacht, die man hier oben nicht wirklich abschafft, sondern nur dekoriert – das leise Summen einer Maschine, die Wärme erzeugte.
In der Empfangshalle hing der Leuchter.
Er hing nicht, er thronte; ein riesiger, schwarzer Reif aus Eisen, daran Kerzenlichter – elektrisch natürlich, aber in der Form so getan, als brenne hier Wachs. Thomas Mann, verehrte Leserin, verehrter Leser, hätte seine Freude gehabt an dieser modernen Schauspielerei: Man imitiert das Alte, um dem Neuen ein Gewissen zu geben.
Hans Castorp blieb einen Moment stehen und sah hinauf.
Von unten, im roten Polsterlicht und zwischen den roten Säulen, wirkte der Leuchter wie eine Sonne. Eine Sonne aus Ordnung, aus Wiederholung, aus programmierter Helligkeit. Und Hans Castorp dachte, mit jener milden Ironie, die ihn manchmal heimsuchte, dass dieser Leuchter die einzige Sonne sei, die niemals wolkig werde, niemals unterginge, niemals überraschend sei.
Er wusste: Oben, über dem Leuchter, war die Bibliothek.
Er ging die Treppe hinauf.
Die Holzbalustrade war warm unter der Hand, glattpoliert von Gästen und Jahren. In den Nischen standen Bücher, ordentlich aufgereiht, wie ein Versprechen von Geist in einem Haus, das in Wahrheit vor allem Körper verwaltet. Das Rot der Wandbespannung leuchtete still, als sei es, zwischen all dem Holz, das Blut, das man sonst so gern in Zahlen zerlegt.
Hans Castorp nahm ein Buch aus dem Regal, nicht weil er lesen wollte, sondern weil Lesen in solchen Momenten eine Haltung ist: Ich bin jemand, der Bücher nimmt. Es war, zufällig oder nicht, ein dünner Band, dessen Titel ihm wie ein leiser Stich vorkam: Tonio Kröger.
Er hielt ihn einen Moment in der Hand.
Tonio – der zwischen Welten steht, der nicht ganz bürgerlich ist und nicht ganz Künstler, der sich nach Wärme sehnt und sie zugleich fürchtet. Hans Castorp, der nie ein Künstler gewesen war, empfand plötzlich diese Toniohafte Bitterkeit wieder, die er einmal, nach einem Training, formuliert hatte: Man kann sehr viel tun, und es gilt nichts, wenn es niemand liest.
Er stellte das Buch zurück.
Nicht aus Ablehnung, sondern aus Scheu. Als hätte der Titel ihm zu direkt ins Gesicht gesehen.