Er stand am Morgen – es war einer jener klaren, aber noch nicht warmen Frühlingstage, an denen die Sonne schon so tut, als sei sie Sommer, während die Schatten noch Winter spielen – im Bad seiner Suite und sah sich an.
Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Tätigkeit, die man nicht unterschätzen sollte. Sich ansehen heißt nicht nur: das Gesicht prüfen, den Bauch, den Hals; es heißt: sich als Objekt nehmen. Und für einen Mann, der jahrelang nicht „Objekt“ sein wollte – nicht für Militär, nicht für Staat, nicht für Moral –, ist diese Art des Betrachtens immer schon zweideutig.
Der Spiegel zeigte ihn in einer Weise, die weder schmeichelte noch beleidigte: klar, kalt, durchdringend, wie das Licht eines Untersuchungszimmers – nur dass es hier nicht fluoreszierte, sondern aus einem Fenster fiel, über dessen Rahmen noch ein Hauch von Nachtkälte lag.
Hans Castorp war, man darf es sagen, in Bestform.
Nicht „massig“, nicht „breit“ – das wäre, bei ihm, eine Lüge gewesen –, sondern drahtig und dicht; ein Körper, der nicht durch Fülle imponiert, sondern durch Klarheit. Die Schultern standen wie zwei kleine, straffe Hügel; die Brust war nicht mehr die weiche, bürgerliche Fläche, die sich hinter Hemden versteckt, sondern eine gespannte Form, in der man die Arbeit der Monate ahnte: Bankdrücken, Schulterdrücken – das programmatische Drücken gegen die Schwerkraft, gegen das Nachgeben.
Der Bauch war flach, nicht asketisch, sondern gezügelt; die Linien der Muskulatur liefen wie feine Kartenstriche über das Weiß der Haut. Und diese Haut – ja, sie war immer noch weiß, dieses norddeutsche, etwas blasse Weiß, das sich in der Höhenluft schnell rötet und in der Kühle schnell friert; aber in ihr lag nun etwas, das früher fehlte: eine Art Vitalität, die nicht vom Blut, sondern vom Tonus kommt.
Die Arme schließlich – und hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, wird es unerquicklich, weil man beim Körper leicht in das Lächerliche gerät – die Arme hatten jene Adernzeichnung angenommen, die man, wenn man modern spricht, „vascular“ nennt, als hätte man den Menschen zum Stadtplan gemacht. Man sah, wie das Blut seine Wege kannte. Man sah, dass es nicht mehr nur floss, sondern regiert wurde.
Um den rechten Oberarm trug er ein schwarzes Band, ein Sensorriemen, den Zieser ihm in die Hand gedrückt hatte, als wären es, neben Stange, Scheiben und Logbuch, die Insignien einer neuen Zugehörigkeit. Das Band saß fest; nicht schmerzhaft, aber bestimmt – wie ein kleiner, privater Befehl. Es hatte eine silberne Kante, die im Licht kurz aufblitzte, und Hans Castorp dachte unwillkürlich daran, wie schnell ein Schmuck zum Gerät wird, und ein Gerät zur Moral.
Am Finger – unscheinbarer, aber bedeutsamer – saß der Ring. Dr. Porsches Ring. Das diskrete Auge.
Der Ring war nicht schön. Er war auch nicht hässlich. Er war, wie alles Technische heute, so gestaltet, dass man ihn weder bewundern noch verachten soll. Und gerade dadurch wird er gefährlich: Er wird selbstverständlich.
Hans Castorp drehte die Hand ein wenig, sah den Ring aus verschiedenen Winkeln an, als prüfe er nicht Metall, sondern ein Versprechen. Das Gerät lag auf der Haut, kühl, glatt, ohne Wärme – und doch war es in der Lage, ihm zu sagen, ob er geschlafen hatte, ob er sich bewegte, ob er ruhig war, ob er zu „normal hoch“ tendierte, ob sein Körper – dieser alte, ungezogene Affe im Anzug – sich benahm.
Er hob den Arm, spannte den Bizeps, ganz unwillkürlich, wie jemand, der sich überzeugen will, dass das, was er sieht, wirklich ihm gehört.
Der Muskel trat hervor, nicht grotesk, sondern ordentlich; ein wenig zu ordentlich vielleicht.
„Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz“, hatte Zieser einmal gesagt, halb als Witz, halb als evangelische Wahrheit.
Hans Castorp dachte: Ein starker Körper kennt keinen Zweifel.
Und merkte, wie falsch der Gedanke war, weil er gerade zweifelte.
Er ließ den Arm sinken.
„Wer schreibt, der bleibt“, sagte Zieser auch.
Hans Castorp sah zum kleinen Notizbuch, das auf dem Waschtisch lag, neben der Zahnbürste, als wäre es ein Hygieneartikel. Darin standen Zahlen, Sätze, Wiederholungen – und auch der Blutdruck, der am Abend mit der Manschette gemessen und eingetragen wurde, als hätte man den Leib in ein Rechnungsbuch verwandelt.
Er nahm das Buch, blätterte.
Die Seiten waren nicht voll. Sie waren auch nicht leer. Sie waren, wie so vieles in seinem Leben, dazwischen: ordentlich ausgefüllt, und doch mit Zwischenräumen. Weiß zwischen den Zeilen, Weiß am Rand.
Er strich mit dem Finger über eine Stelle, an der er gestern, in Eile, nichts geschrieben hatte – nur einen Strich, als Andeutung: da war etwas, aber ich habe es nicht festgehalten.
Es war ein kleiner Fehler.
Und er empfand – ganz unerquicklich – eine kleine Freude.