Abschnitt 1

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Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, auf alten Landkarten Stellen, die nicht etwa weiß sind, weil dort Schnee läge, sondern weil dort niemand gewesen ist – oder niemand, der berichtet hätte. Das Weiß ist dann nicht Natur, sondern Erkenntnisverzicht; es ist nicht Kälte, sondern Nichtwissen. Man nannte diese Stellen, mit einer Mischung aus Stolz und Scham, terra incognita; und man setzte kleine Zeichen hinein – Seeungeheuer, Drachen, barocke Warnungen –, um dem leeren Papier wenigstens die Geste des Gewussten zu geben.

Unsere Zeit, die keine Drachen mehr malt, hat einen anderen Reflex: Sie erträgt das Weiß nicht. Sie füllt es, wenn nicht mit Erfahrung, so doch mit Daten. Wo früher die Unbekanntheit stand, steht heute ein Balken „0 %“; wo früher die Legende fehlte, steht heute „Keine Verbindung“; und wo früher ein Reisender nur sagen konnte: ich weiß es nicht, da sagt heute ein Gerät: No data. Das ist, wenn man es streng nimmt, das gleiche Bekenntnis – nur mit weniger Würde.

Denn das Bekenntnis zum Nichtwissen, zum Nichtaufgezeichneten, zum Ungesagten war, solange es noch als menschliche Grenze galt, etwas, das man – wie eine Lücke im Gebiss – zwar nicht gern zeigte, aber immerhin als Tatsache hinnahm. Jetzt aber, da man das Leben in Ringen, Kurven, Scores und hübsch gerundeten Ziffern auslegt wie eine Speisekarte, wird auch die Lücke moralisch. Ein weißer Fleck gilt als Versäumnis. Und ein Versäumnis ist, in einer Welt der Programme, bereits eine Art Sünde.

So war es kein Zufall, dass Hans Castorp, der Mann der Zwischenräume, der Deserteur, der sich selbst aus dem Register gezogen hatte, irgendwann die Frage nicht mehr loswurde, ob seine neue Lebensform – dieses bestforming, diese Liturgie aus Pulver, Protokoll und Pflicht – nicht gerade das Gegenteil dessen war, was ihn einst gerettet hatte: nämlich Unsichtbarkeit.

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