Am Morgen – denn natürlich gibt es immer einen Morgen, auch nach der ausschweifendsten Maskerade, und der Morgen ist die eigentliche Moral – saß Hans Castorp im Speisesaal, der nicht mehr Speisesaal hieß, sondern irgendeinen Namen trug, der nach internationalem Komfort klang. Vor ihm ein Teller, weiß, groß, und darauf die bunte Anatomie des Luxusfrühstücks: Lachs, orange und seidig; ein Stück Schinken, blass und korrekt; ein Spiegelei, dessen Dotter wie eine kleine Sonne glänzte; rote, eingelegte Stücke, die nach Zwiebel schmeckten und aussahen wie Blut; dunkle Rübenscheiben, die so tief violett waren, dass sie fast schwarz wirkten; dazu ein Häufchen orangefarbener Körnchen, kaviarartig, als habe man dem Meer seine Eier abgekauft; Gurkenscheiben, Tomaten, ein wenig Grün; und ein Stück dunkles Brot, schwer, ehrlich, mit einem Tupfer Butter, der daran klebte wie ein Alibi.
Er aß langsam. Nicht, weil er satt war – sondern weil langsames Essen die letzte Form von Kontrolle ist, wenn die Nacht sie einem genommen hat.
Und während er aß, dachte er: Das ist also die zweite Walpurgisnacht. Sie ist nicht mehr im Berghof, nicht mehr im Speisesaal mit Spähern an den Türen; sie ist im Wellness-Resort, auf frostigem Pflaster, zwischen Popcorn und Plexiglas, zwischen Photobox und Eisbar, zwischen Blasen im Wasser und Blasen im Wein, zwischen dem Datum im Eis und dem Rauch im Himmel.
Er dachte: Man kann desertieren aus einem Krieg. Man kann desertieren aus einem Leben. Aber man desertiert nicht aus der Zeit. Man kann sie nur – wenn man Glück hat – für einen Abend dazu bringen, so zu tun, als wäre sie nicht da.
Er schob das Brotstück ein wenig zur Seite, betrachtete den Dotter, diese kleine Sonne auf Weiß, und lächelte.
Das Lächeln war höflich. Und ein wenig unerquicklich.