Sie gingen zur Eisbar zurück, weil die Stunde näher rückte. Man begann zu zählen, zu lachen, zu rufen; jemand verteilte kleine Papierröhrchen, die Konfetti spucken; und Hans Castorp dachte, wie sehr diese moderne Welt den Augenblick mechanisiert hat: Der Übergang muss angekündigt werden, er muss heruntergezählt werden, er muss dokumentiert werden, weil man ihm sonst nicht traut.
Die Gläser klirrten. Das Eis glänzte. Die Worte im Eis – „Silvester 2025–2026“ – standen da wie ein Urteil, und doch liefen an den Kanten bereits kleine Tropfen, als weinte der Kalender.
Dann geschah es.
Der Himmel, der eben noch schwarz gewesen war, wurde plötzlich zerrissen von Licht, von weißen und roten Linien, von funkelnden Sternen, die sich ausbreiteten und vergingen, und Rauch zog wie ein grauer Vorhang über die Szene. Es war schön. Es war laut. Es war – wenn man ehrlich ist – unerquicklich. Denn Feuerwerk ist das Spiel mit dem Krieg, und der Krieg ist das Feuerwerk ohne Spiel.
Hans Castorp zuckte zusammen, ganz unwillkürlich, ganz physiologisch; der Körper erkennt gewisse Geräusche, ehe der Geist sie deutet. Er spürte sein Herz, wie es einen Schlag ausließ und dann zwei nachholte, als wolle es beweisen, dass es noch da sei; er spürte die Kälte in der Lunge, obwohl er nicht fror; er spürte, wie die Blasen im Champagner ihm nun weniger leicht, weniger elegant vorkamen – als wären sie plötzlich verwandt mit den Blasen im Himmel.
Sie legte ihm, nur für einen Moment, die Hand auf den Ärmel.
„C’est fini,“ sagte sie, leise. „Es ist vorbei. Hier ist es nur… Fest.“
Nur Fest. Nur.
Er sah sie an, und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der zugleich spöttisch und zärtlich war, als wisse sie, dass es keine „nur“ gibt.
Sie gingen, ohne sich abzusprechen, zur Kuppel, zu der gläsernen Blase, in der das weiße Fell lag und die kleine Flamme flackerte. Der Hund saß noch immer am Eingang, wie ein Wächter, und sah sie an, ernst und geduldig. Sie traten ein, und die Welt draußen – der Himmel mit Rauch, die Menschen mit Gläsern, die Kugeln auf dem Wasser – wurde durch die Haut der Kuppel gedämpft und verzerrt, als sähe man alles durch eine Erinnerung.
Drinnen war es stiller. Auf dem Tisch standen Gläser, eins halb leer, eins ganz leer, und das Windlicht warf Schatten auf das Fell, weich wie Atem. Hans Castorp setzte sich, und sie setzte sich ihm gegenüber, aber nicht wirklich gegenüber; sie setzte sich so, dass der Abstand nicht mehr bürgerlich war.
„Du wirst alt,“ sagte sie.
„Ich bleibe,“ antwortete er.
„Du bleibst immer,“ sagte sie. „Das ist dein Talent. Du bleibst, während alles andere… geht.“
Er dachte an die Worte im Eis, an die Tropfen, an das Schmelzen; er dachte an die Blasen im Wasser, an ihr schillerndes, dünnes Leuchten; er dachte an den orangefarbenen Rettungsring im Schnee, auf dem das Sonnenwort stand, als müsse man selbst in der Sonne gerettet werden.
„Hast du Angst?“ fragte sie.
Er lächelte. Er wollte sagen: Nein. Er wollte sagen: Ja. Er sagte stattdessen:
„Ich habe Hunger.“
Und das war, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht gelogen.