Wenn du denkst, du denkst: Vatersein, Töchtersein, Patriarchat – und die Hoffnung auf Generation Alpha

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„Ein Mädchen kann das nicht“ – und warum ich das als Vater zweier Töchter endlich nie wieder hören oder sehen will.

Es gibt diese Momente, in denen dich etwas Altes kalt erwischt. Ein Satz aus einem Lied. Ein Refrain, den du früher vielleicht mitgesungen hast, ohne groß darüber nachzudenken. Und dann – Jahre später, mit zwei Kindern an der Hand und einem anderen Blick auf die Welt – merkst du: Das ist nicht „nostalgisch“. Das ist ein Spiegel.

„Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst: Ein Mädchen kann das nicht. Schau mir in die Augen und dann schau in mein Gesicht. Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst: Du hast ein leichtes Spiel. Doch ich weiß, was ich will, drum lach nur über mich, denn am Ende lache ich … über dich.“ (Von der großen Juliane Werding im Jahr 1975 veröffentlicht, der Text laut Quellen von Gunter Gabriel.)

Der Refrain, der mir gerade nicht aus dem Kopf geht, trägt die typische Überheblichkeit in sich, die wir alle kennen: dieses selbstsichere „Ich weiß es besser“, das sich so gern als Vernunft verkleidet. Und mittendrin dieser Satz, der in erstaunlich vielen Varianten bis heute überlebt hat: die Annahme, dass Mädchen weniger können. Weniger Technik. Weniger Mut. Weniger Durchsetzungsfähigkeit. Weniger Mathe. Weniger Führung. Weniger „Toughness“. Und vor allem: weniger Recht, die eigene Realität zu definieren.

Ich bin Vater von zwei Töchtern. Beide gehören zur Generation Alpha. Und ich ertappe mich bei einem Gedanken, der gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung ist:

Unfassbar, wie aktuell dieser alte Refrain immer noch ist. Hoffentlich gelingt es der Generation Alpha meiner Töchter, das Patriarchat aus unserer Realität zu eliminieren – und echte Gleichberechtigung herzustellen. Beginnend bei der Einstellung zu Fähigkeiten.

Und ja, ich formuliere es manchmal bewusst zugespitzt, weil ich glaube, dass wir gelegentlich einen kleinen Schock brauchen, um aufzuwachen: Wenn überhaupt jemand eine „Fähigkeitsgrenze“ biologisch begründen will, dann gibt es eine Leistung, die die meisten Männer nicht erbringen können: ein Kind austragen und gebären. (Und bevor jemand zurecht Einwände hat: Nicht jede Frau kann oder will schwanger werden, und es gibt trans Männer, die gebären können – mein Punkt ist nicht Biologie als Schicksal, sondern Biologie als entlarvender Realitätscheck für jene, die so gern über „Fähigkeiten“ urteilen.)

Trotzdem ist es historisch und gesellschaftlich absurd, wie selbstverständlich ausgerechnet männliche Stimmen Frauen erklären, was sie „nicht können“.

Das ist kein „Männer-bashing“. Das ist ein Systemproblem. Und Systeme ändern sich nicht, weil man sie höflich ignoriert.

1) Der Refrain als Diagnose: Das Problem ist nicht Lautstärke, sondern Selbstverständlichkeit

Was mich an diesem alten Refrain so packt, ist nicht nur der Inhalt, sondern die Haltung dahinter:

  • Du musst mich nur anschauen, dann verstehst du.
  • Ich bewerte dich – und du hast dich dazu zu verhalten.
  • Ich erkläre dir deine Grenzen – und nenne das Realismus.

Diese Haltung ist die leise DNA des Patriarchats. Nicht immer als offener Hass. Nicht immer als grobe Abwertung. Oft als vermeintlich neutrale Normalität: „Ist halt so.“ „War schon immer so.“ „Mädchen sind eben eher …“

Und genau das macht es so zäh.

2) „Ein Mädchen kann das nicht“ – die moderne Version klingt oft freundlich

Wenn wir heute über Gleichberechtigung reden, denken viele an große Skandale, klare Ungerechtigkeiten, eindeutige Diskriminierung. Die gibt es – leider. Aber was mir als Vater besonders auffällt, sind die kleinen Dinge. Die Alltagssätze. Die reflexartigen Bilder.

Zum Beispiel:

  • Das Lob, das bei Mädchen oft über Aussehen, Bravsein, Anpassung läuft – und bei Jungen über Mut, Stärke, Durchsetzung.
  • Die Erwartung, dass Mädchen „vernünftig“ sind, Verantwortung übernehmen, vermitteln, sozial funktionieren – während Jungs „halt wild“ sind.
  • Die Art, wie man Mädchen früh beibringt, Risiken zu meiden, statt Risiken zu lernen.
  • Die unterschwellige Idee, dass ein Mädchen zwar „viel kann“, aber bitte nicht „zu viel Raum“ nimmt.

Das ist das Perfide: Es ist nicht immer aggressiv. Manchmal ist es sogar liebevoll. Und gerade deshalb wirkt es.

Denn Kinder lernen nicht nur aus Regeln. Sie lernen aus dem, was wir normal finden.

3) Patriarchat ist nicht „die bösen Männer“ – Patriarchat ist ein Betriebssystem

Ich glaube, wir kommen nur weiter, wenn wir Patriarchat nicht als Schlagwort benutzen, sondern als Beschreibung:

Patriarchat ist ein System von Erwartungen, Privilegien und Deutungsmacht, das historisch männlich dominiert ist – und das bis heute nachwirkt.

Es bedeutet konkret:

  • Männliche Perspektiven gelten schneller als „objektiv“.
  • Weibliche Perspektiven gelten schneller als „emotional“.
  • Männliche Ambition gilt als „Führung“.
  • Weibliche Ambition gilt als „zu viel“.
  • Männliche Wut gilt als „Durchsetzung“.
  • Weibliche Wut gilt als „hysterisch“.

Und ja: Dieses System schadet auch Jungen und Männern – weil es sie in enge Rollen presst. Aber (und das ist wichtig) das macht es nicht symmetrisch. Die Kosten sind nicht gleich verteilt. Die Deutungsmacht ist nicht gleich verteilt. Die Räume sind nicht gleich verteilt.

4) Was ich meinen Töchtern wünsche (und wovor ich sie nicht schützen kann)

Ich wünsche meinen Töchtern nicht, dass sie „stärker als Jungs“ werden müssen. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht ständig gegen eine unsichtbare Wand laufen.

Und ich weiß: Ich kann sie nicht vor jeder Ungerechtigkeit schützen. Ich kann nicht neben ihnen stehen, wenn jemand sie unterschätzt. Ich kann nicht jede Schublade verhindern, in die sie gesteckt werden.

Aber ich kann etwas anderes tun:

Ich kann ihnen ein inneres Koordinatensystem geben.

Eins, das sagt:

  • Du bist nicht hier, um klein zu sein, damit andere sich groß fühlen.
  • Dein Nein ist vollständig.
  • Deine Stimme ist kein Zusatz, sie ist Teil der Realität.
  • Kompetenz ist nicht männlich.
  • Mut ist kein Geschlecht.
  • Du darfst lernen, Fehler machen, laut sein, leise sein, führen, folgen – ohne dich zu rechtfertigen.

Und vielleicht das Wichtigste:

Du musst nicht „perfekt“ sein, um ernst genommen zu werden. Denn Perfektion ist oft der Preis, den Mädchen zahlen sollen, um überhaupt Raum zu bekommen.

5) Was ich als Vater aktiv verlernen muss

Hier kommt der Teil, der unbequem ist: Es reicht nicht, „für Gleichberechtigung“ zu sein. Ich muss mich fragen, wo ich selbst Patriarchat reproduziere, obwohl ich es ablehne.

Zum Beispiel:

  • Greife ich automatisch zum „Technikteil“ und überlasse Care-Arbeit „nebenbei“ anderen?
  • Erwarte ich unbewusst, dass meine Töchter „sozialer“ sind?
  • Unterbreche ich sie schneller?
  • Lobe ich sie für Harmonie, statt für Klarheit?
  • Erkläre ich zu schnell, statt Fragen zu stellen und Raum zu lassen?

Patriarchat lebt nicht nur in den Lauten. Es lebt in den Routinen.

Und ja: Es ist unangenehm, sich dabei zu beobachten. Aber Vatersein ist – wenn man ehrlich ist – auch eine Schule der Demut.

6) Gleichberechtigung beginnt nicht im Parlament, sondern am Küchentisch

Wenn ich „Patriarchat eliminieren“ sage, meine ich nicht, dass Generation Alpha irgendwann einen großen Knopf drückt und dann ist alles gut. Ich meine: Wir müssen das Betriebssystem umschreiben – in tausend kleinen Alltagszeilen.

Hier sind Dinge, die wir als Eltern (und besonders wir als Väter) konkret tun können:

1) Care-Arbeit sichtbar und gleich machen

Nicht „helfen“, sondern zuständig sein: Arzttermine, Schul-Chat, Kleidung, Geburtstage, Mental Load. Kinder beobachten das. Und sie lernen daraus, was „normal“ ist.

2) Sprache ernst nehmen

„Die ist aber zickig.“ – „Der ist halt ein Junge.“

Das sind winzige Sätze mit großer Wirkung. Sprache ist nicht Deko. Sprache ist Programmcode.

3) Kompetenzen nicht geschlechtlich labeln

Nicht „Für ein Mädchen bist du aber…“ (Katastrophe).

Nicht „Das ist eher was für Jungs.“ (auch Katastrophe).

Sondern: „Du übst. Du lernst. Du wirst besser.“

4) Mädchen dürfen riskieren

Klettern. Debattieren. Sich streiten. Grenzen setzen.

Nicht nur „lieb“ sein, sondern wirksam sein.

5) Jungs emotional erziehen (ja, das gehört dazu)

Wenn wir wollen, dass Mädchen später nicht wieder in Care-Rollen rutschen, müssen Jungs lernen, Gefühle zu tragen, Verantwortung zu übernehmen, zuzuhören. Gleichberechtigung ist ein Teamprojekt.

6) „Mansplaining“ im eigenen Haus erkennen

Wenn meine Tochter etwas erklärt und ich sofort korrigiere, ohne nachzufragen – dann ist das kein Detail. Es ist Training. Für mich.

7) Vorbilder bewusst wählen

Bücher, Filme, Serien, Sport, Musik: Welche Rollen sehen Kinder? Wer rettet wen? Wer ist klug? Wer führt? Wer wird bewundert?

Medien sind nicht nur Unterhaltung – sie sind Rollenschulen.

8) Grenzen und Consent konkret machen

Nicht als „Thema“, sondern als Haltung: Körperautonomie, Nein heißt Nein, Ja heißt Ja. Auch bei kleinen Dingen: Umarmung, Kitzeln, Fotos posten.

9) Sexismus nicht weglächeln

„Ist doch nur ein Spruch.“

Nein. Sprüche sind die kleinen Nägel, aus denen später große Gitter werden.

10) Den Töchtern nicht die Weltreparatur aufladen

Das ist mir wichtig: Ich hoffe, Generation Alpha räumt auf. Aber das darf nicht heißen: Ihr müsst das jetzt lösen.

Wir müssen es lösen. Damit sie es nicht mehr tragen müssen.

7) Die zugespitzte Wahrheit: Wer kein Kind austrägt, sollte vorsichtig sein mit Urteilen über „Fähigkeiten“

Ich komme nochmal auf meinen provokanten Satz zurück – weil er etwas entlarvt:

Wenn Männer (oder allgemein: Menschen, die nie schwanger waren und nie schwanger sein werden) Frauen erzählen, wozu sie fähig sind, dann ist das nicht nur arrogant. Es ist auch grotesk.

Denn Schwangerschaft, Geburt, Stillen, das körperliche und psychische Tragen – das ist eine Dimension von Leistung, Risiko, Verantwortung und Schmerz, die in unserer Gesellschaft gleichzeitig romantisiert und entwertet wird.

Und während diese Realität existiert, diskutieren wir immer noch darüber, ob Mädchen „zu emotional“ sind, um zu führen. Ob Frauen „zu weich“ sind für Technik. Ob sie „nicht belastbar genug“ sind.

Vielleicht ist genau das der Kern patriarchaler Logik:

Sie stellt ausgerechnet dort Kompetenz infrage, wo sie sie am wenigsten widerlegen kann.

8) Meine Hoffnung für Generation Alpha: Nicht „Girlboss“, sondern Normalität

Ich wünsche mir keine Welt, in der Frauen „endlich auch so sein dürfen wie Männer“. Das ist kein Ziel. Das wäre nur ein Rollentausch im gleichen Käfig.

Ich wünsche mir eine Welt, in der:

  • Fähigkeiten nicht nach Geschlecht vorsortiert werden.
  • Care-Arbeit Status hat.
  • Führung nicht Härte verwechselt.
  • Respekt nicht verdient werden muss, sondern Ausgangspunkt ist.
  • Mädchen keine „Ausnahmefrauen“ sein müssen, um ernst genommen zu werden.
  • Jungen lernen, dass Stärke und Empathie keine Gegensätze sind.

Kurz: eine Welt, in der Gleichberechtigung so normal ist, dass ein alter Refrain wie ein Fossil klingt.

9) Schluss: Dieser Refrain ist aktuell, weil wir noch nicht fertig sind

Dass mich diese Zeilen heute noch treffen, ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis. Ein Stachel. Ein Auftrag.

Und wenn ich ehrlich bin, ist es auch eine Art Vaterangst: die Angst, dass meine Töchter Dinge erleben, die ich als Mann nie erleben musste – und dass ich ihnen dann nur mit Worten beistehen kann.

Aber Worte sind nicht nichts. Worte sind Startpunkte. Und Handlungen sind die Fortsetzung von Worten.

Ich hoffe, Generation Alpha meiner Töchter eliminiert das Patriarchat aus unserer Realität.

Aber ich hoffe noch mehr, dass wir ihnen dabei nicht im Weg stehen – und dass wir endlich anfangen, aktiv mitzubauen.

Nicht irgendwann.

Heute. Am Küchentisch. Im Tonfall. In der Zuständigkeit. In dem Moment, in dem jemand sagt oder ausstrahlt: „Ein Mädchen kann das nicht.“

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