Sigma Boy auf TikTok: Wie Bewertungssysteme den Mut von Generation Alpha untergraben – und patriarchale Rollenbilder modern verpacken

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Warum „Trend = Rang“ nicht harmlos ist und was Eltern (vor allem Väter) konkret tun können.

1) KALTSTART

Ich habe sie gerade gefragt. Ganz normal am Küchentisch, neben halbvollem Kakao und den kleinen Krümeln, die sich in Familienwohnungen wie ein eigener Naturzustand anfühlen.

„Was findest du eigentlich an diesem ‚Sigma Boy‘ so cool?“

Sie schaut mich an, als hätte ich gefragt, ob Wasser nass ist. Dann lacht sie kurz und sagt: „Der ist halt cool.“

Nicht „ich mag das Lied“. Nicht „der Beat ist gut“. Nicht „das ist witzig“. Sondern: Er. Der Junge. Die Figur. Der Titel. Das Label.

Und da war sie plötzlich, diese seltsame Vater‑Mischung aus Faszination und Alarm. Weil ich in den letzten Wochen und Monaten viel Hoffnung in einen Gedanken gelegt habe: Dass Generation Alpha – vielleicht – das Patriarchat aus ihrer Realität herausprogrammiert. Dass meine Töchter in einer Normalität aufwachsen, in der niemand mehr sagen kann: „Ein Mädchen kann das nicht“, ohne dass es klingt wie ein Fossil.

Und dann sitzt dieses Kind vor mir, acht Jahre alt, und ich sehe, wie ein Meme‑Sound wie eine kleine, harmlose App in ihr System rutscht – und wie er dabei etwas sehr Altes reaktiviert: Rang. Blick. Bewertung. Attraktivität als Hierarchie.

Was, wenn das Patriarchat heute nicht als Verbot zurückkommt – sondern als Ohrwurm?

2) THESE (kurz, hart)

„Sigma Boy“ ist für mich nicht der Feind. Es ist ein Symptom. Ein sehr modernes, sehr effizientes Symptom.

„Sigma Boy“ ist kein Einzelfall, sondern ein Meme‑Wrapper für Rollen‑Codes.

TikTok ist nicht nur Unterhaltung – es ist ein Bewertungssystem. Trend ist Rang, Rang ist Orientierung, Orientierung wird Identität.

Bewertung frisst Mut. Und Mut ist der Hebel gegen Patriarchat.

Ich habe in meinem Text über Patriarchat geschrieben: „Patriarchat ist ein Betriebssystem.“Und Systeme ändern sich nicht, weil man sie höflich ignoriert. Sie ändern sich, wenn man den Code im Alltag neu schreibt: Zuständigkeiten, Sprache, Vorbilder, Grenzen, Mut.

Was mich an „Sigma Boy“ trifft, ist der Verdacht: Hier schreibt ein anderes System mit. Leise. Schnell. Hochfrequent.

[KACHEL-SATZ 1] Wenn „cool“ zum Urteil wird, wird Mut zur Ausnahme.

3) MECHANIK: WIE DER SONG PATRIARCHALE CODES TRÄGT (3 Mechanismen)

M1) Ranglabel statt Beziehung: „cool“ = höherer Status, nicht bessere Verbindung

Erklärung (systemisch):

„Sigma“ ist – als Internet‑Beobachtung – oft kein Beziehungsbegriff, sondern ein Rangbegriff. Ein Label, das sagt: oben. Unabhängig. Unbeeindruckt. Nicht bedürftig. Nicht angewiesen. Nicht verletzbar.

Und damit verschiebt sich die Logik von: „Wer passt zu mir?“ zu: „Wer steht über mir – und wird deshalb begehrt?“

Das ist eine Grundbewegung patriarchaler Systeme: Wert entsteht nicht durch Beziehung, sondern durch Position.

Beispiel (Kind/Alltag):

Wenn meine Tochter sagt „der ist cool“, meint sie nicht: „Der ist freundlich“ oder „Der hört zu“. Sie meint: „Der hat diesen Status, den alle sehen.“

Und genau das ist der Punkt: Der Status ist öffentlich. Er gehört nicht der Intimität, sondern der Bühne.

So beginnt Rollenlernen nicht mit Moral, sondern mit Orientierung: Wer ist oben? Wer darf Raum nehmen? Wer wird bewundert?

M2) Unberührbarkeit als Attraktivität: emotional distanzierte Härte wird zum Ideal

Erklärung (systemisch):

Patriarchat liebt die Idee der Unberührbarkeit. Nicht unbedingt als Brutalität, oft als Pose: Ich brauche nichts. Ich zeige nichts. Ich bin nicht abhängig.

Das ist anschlussfähig an ein männliches Ideal, das Empathie als Schwäche codiert und Nähe als Risiko. Und es ist anschlussfähig an eine weibliche Sozialisation, die oft lernt: Anerkennung bekommt, wer „den coolen Jungen“ beeindruckt – also wer sich an ihm misst.

Beispiel (Schule/Online):

Kinder lernen früh, wie peinlich es ist, „zu viel“ zu zeigen. Zu begeistert. Zu traurig. Zu verliebt.

Wenn dann ein Label „Sigma“ als cooles Ober‑Ich herumliegt, ist das eine Einladung: Werde unberührbar, dann bist du sicher.

Das Problem ist nicht, dass Kinder Spaß an Musik haben. Das Problem ist, dass Unberührbarkeit zur Sicherheitsstrategie wird – und das ist ein schlechter Boden für Gleichberechtigung, weil Gleichberechtigung Beziehung braucht.

M3) Publikumseffekt: Mädchen validieren den „Wert“ des Jungen (Mann = Preis, Frau = Jury)

Erklärung (systemisch):

Hier liegt für mich der empfindlichste Punkt: Viele Pop‑Meme‑Frames funktionieren so, dass der Junge als „Preis“ inszeniert wird – und die Mädchen (oder das Publikum) bestätigen seinen Wert.

Das ist nicht „Mädchen sind schuld“. Das ist Systemlogik: Wenn Wert über Sichtbarkeit und Rang läuft, dann wird Anerkennung zur Währung. Und wer Anerkennung verteilt, wird Teil des Marktes.

Beispiel (Kind/Medien):

Meine Tochter sagt nicht: „Ich mag, wie er mit Menschen umgeht.“ Sie sagt: „Der ist cool.“

Das ist ein Urteil, kein Gefühl.

Und wenn achtjährige Kinder anfangen, Attraktivität als Urteil zu lernen, dann lernen sie – nebenbei – auch, dass Beziehung etwas ist, das man verdient, statt etwas, das man gestaltet.

4) WARUM DAS MEINE HOFFNUNG TRIFFT (Brücke zu meinem Patriarchat-Artikel)

In meinem Patriarchat‑Text ging es mir um diese leise DNA:

Ich bewerte dich – und du hast dich dazu zu verhalten.

Nicht immer aggressiv. Manchmal freundlich. Gerade deshalb wirksam.

Und ich habe geschrieben: „Gleichberechtigung beginnt nicht im Parlament, sondern am Küchentisch.“

Ich stehe dazu. Mehr denn je.

Aber ich merke: Der Küchentisch ist nicht mehr der einzige Ort, an dem Betriebssysteme geschrieben werden. TikTok – als Feed, als Trendmaschine, als Bewertungsraum – schreibt mit. Und zwar nicht in langen Erziehungsreden, sondern in zehn Sekunden. In Wiederholung. In Sound.

Meine Hoffnung war: Generation Alpha macht das Patriarchat alt.

Meine Angst ist: Das Patriarchat hat gelernt, jung zu klingen.

Nicht als „Ein Mädchen kann das nicht“-Satz, sondern als: „Sigma ist cool.“

Und das ist perfide, weil es nicht wie Sexismus aussieht. Es sieht aus wie Unterhaltung. Wie Tanz. Wie Spaß. Wie „ist doch nur ein Song“.

Ja. Und genau deswegen ist es so wirksam.

5) BEWERTUNGSSYSTEME: TIKTOK ALS MUT-BREMSE (ohne Panik)

Ich will keine Moralpanik. TikTok ist nicht „böse“. Es ist eine Infrastruktur.

Und Infrastrukturen haben Logiken.

Die Logik hier ist: Aufmerksamkeit ist Rang. Rang ist Sichtbarkeit. Sichtbarkeit ist Wert.

Das ist nicht „falsch“, es ist nur gefährlich, wenn Kinder daraus ihre Identität bauen.

Denn Mut ist in der Regel das Gegenteil von Ranglogik:

Mut heißt, etwas zu tun, bevor es Applaus gibt. Mut heißt, sich zu blamieren, ohne zu sterben. Mut heißt, nicht zu wissen, ob man oben oder unten landet – und trotzdem zu sprechen.

Wenn aber „cool“ die unsichtbare Note ist, dann wird Mut teuer.

Woran du merkst, dass Bewertung Mut frisst (5 Signale):

• Kinder fragen weniger: „Was will ich?“ und mehr: „Was kommt gut an?“

• „Peinlich“ wird zum Abbruchsignal, nicht zum Lernsignal.

• Fehler werden versteckt statt ausprobiert.

• „Cool“ ersetzt „freundlich“, „mutig“, „fair“ als wichtigste Kategorie.

• Rollen werden imitiert, weil Abweichung Risiko ist.

Und jetzt kommt der unbequeme Teil: Ich merke das nicht nur bei Kindern. Ich merke das auch bei mir.

Selbstbeobachtung (Vater, ehrlich):

Ich rutsche selbst in Bewertung, wenn ich eigentlich Mut fördern will. Ich lobe schnell das Ergebnis („wow, richtig gut!“), statt den Versuch („du hast dich getraut“). Ich will sie schützen vor Peinlichkeit, statt sie immun zu machen. Ich will manchmal, dass sie „gut rüberkommt“, statt dass sie klar wird. Das ist keine Bosheit. Das ist ein Reflex. Und genau deshalb ist es Betriebssystem.

[KACHEL-SATZ 2] Patriarchat kommt heute nicht mit Verboten – sondern mit Rankings.

6) WAS TÖCHTER DARAUS LERNEN (ohne Schuldzuweisung)

Ich will meine Tochter nicht aus dem Internet „retten“. Das ist nicht realistisch – und es wäre auch eine Illusion von Kontrolle, die selbst wieder patriarchal sein kann: Vater als Gatekeeper, Tochter als Projekt.

Was ich will, ist: Kontext geben. Koordinaten bauen.

Denn Mädchen lernen in einem Bewertungssystem oft eine zusätzliche Lektion:

Nicht nur „sei gut“, sondern „sei gut und sei dabei angenehm“.

Das ist die Perfektionsfalle, die ich in meinem Artikel so klar benannt habe:

„Du musst nicht ‚perfekt‘ sein, um ernst genommen zu werden. Denn Perfektion ist oft der Preis, den Mädchen zahlen sollen, um überhaupt Raum zu bekommen.“

Wenn ein Meme‑Label wie „Sigma Boy“ als cooles Zentrum auftaucht, kann daraus (als Hypothese) Folgendes werden:

Anpassung als Strategie: „Wie werde ich für den coolen Blick akzeptabel?“

Raumverzicht als Sicherheit: „Nicht zu laut, nicht zu viel, sonst cringe.“

Begehren als Hierarchie: „Wert hat, wer oben ist – nicht wer gut zu mir ist.“

Mut als Ausnahme: „Ich riskiere nur, wenn ich sicher bin, dass es gut ankommt.“

Und genau da trifft es meine Hoffnung. Nicht, weil meine Tochter einen Song mag. Sondern weil ich sehe, wie früh Attraktivität als Urteil ins System kommt.

7) WAS JUNGS DARAUS LERNEN (kurz, aber zentral)

Ich habe im Patriarchat‑Text geschrieben: Das System schadet auch Jungen und Männern – aber nicht symmetrisch.

Was Jungs aus Rang‑Memes lernen können (als Hypothese):

Härte wird Währung: Wer unbeeindruckt ist, gewinnt.

Distanz wird Status: Wer weniger braucht, steht höher.

Empathie wird Risiko: Wer fühlt, kann verlieren.

Das stabilisiert patriarchale Muster, weil es Beziehung erschwert. Und Gleichberechtigung ist ohne Beziehung nur ein Wort.

Wenn Jungs lernen, dass „Sigma“ cool ist, und Mädchen lernen, dass „Sigma“ begehrenswert ist, dann entsteht ein perfekter Kreis: Status produziert Begehren, Begehren bestätigt Status.

Das ist ein Regelkreis, kein Charakterfehler.

8) KÜCHENTISCH: 10 KONKRETE MINI-INTERVENTIONEN (sehr konkret)

1. Ich frage nach dem „Warum“ hinter „cool“.

Nicht als Verhör, sondern als Training: „Was genau findest du cool – Stimme, Tanz, Outfit, Verhalten?“

2. Ich führe neue Kategorien ein: „fair“, „mutig“, „freundlich“, „klar“.

Wenn „cool“ die einzige Währung bleibt, gewinnt Ranglogik automatisch.

3. Vater-Handlung: Ich mache Zuständigkeit sichtbar (nicht nur Meinung).

Care‑Arbeit nicht „helfen“, sondern übernehmen – damit Rollenbilder nicht nur im Feed verhandelt werden.

4. Vater-Handlung: Ich übe „Mut‑Lob“ statt Ergebnis‑Lob.

„Du hast dich getraut“ ist stärker als „du warst gut“.

5. Ich baue „Peinlich‑Immunität“ als Spiel.

Wir machen absichtlich kleine Albernheiten, damit das System lernt: Peinlich ist nicht gefährlich.

6. Vater-Handlung: Ich stoppe mein eigenes Mansplaining im Moment.

Wenn ich korrigieren will, frage ich zuerst: „Wie meinst du das?“ – damit ihre Stimme Raum bekommt.

7. Ich spreche über Trends wie über Wetter: real, aber nicht allmächtig.

„Das ist gerade überall“ ist eine Beobachtung – kein Urteil über ihren Wert.

8. Vater-Handlung: Ich kuratiere Vorbilder aktiv (Bücher/Serien/Musik) – und bespreche sie.

Nicht verbieten, sondern vergleichen: „Welche Rollen siehst du hier? Wer wird bewundert – und warum?“

9. Consent/Autonomie als Alltagshaltung: Nein ist vollständig.

Auch bei kleinen Dingen (Kitzeln, Umarmung, Fotos): Ein Nein wird nicht verhandelt.

10. Ich entlaste meine Töchter von der Weltreparatur.

Ich sage explizit: „Du musst das nicht lösen. Ich lerne mit – und ich baue mit.“

9) SCHLUSS: HOFFNUNG OHNE LAST AUF KINDER

Meine Tochter darf „Sigma Boy“ cool finden. Wirklich. Ich will nicht aus jedem Ohrwurm ein Tribunal machen.

Aber ich will auch nicht so tun, als wäre ein Ohrwurm nur ein Ohrwurm.

Denn in einer Welt, in der Bewertungssysteme überall sind, sind Ohrwürmer manchmal Transportmittel. Nicht für „Botschaften“ im plakativen Sinn. Sondern für Orientierung: Wer ist oben? Was ist begehrenswert? Was ist peinlich? Was ist mutig?

Meine Hoffnung auf Generation Alpha ist nicht tot, weil ein TikTok‑Sound viral ist.

Aber sie wird nur real, wenn wir verstehen: Das Betriebssystem schreibt sich nicht von allein in die richtige Richtung.

Und wenn ich einen Satz aus meinem Patriarchat‑Text als Schluss wirklich ernst nehmen will, dann diesen:

Nicht irgendwann. Heute. Am Küchentisch. Im Tonfall. In der Zuständigkeit.

Wir müssen Kinder nicht vor der Welt verstecken.

Wir müssen ihnen helfen, in ihr frei zu werden.

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