Die Podcastfolge „The Ruthless Ways Women Compete With Each Other“ mit der Psychologin Tracy Vaillancourt beginnt mit einer Provokation: Weibliche Konkurrenz kann ausgesprochen aggressiv sein, ohne wie das auszusehen, was wir gewöhnlich unter Aggression verstehen.
Das Gespräch führt von sexueller Konkurrenz und Slut-Shaming über Eifersucht, Status und soziale Medien bis zu Mobbing und seinen gesundheitlichen Folgen. Diese Phänomene sind nicht identisch und dürfen nicht auf einen einzigen Mechanismus reduziert werden. Verbunden sind sie jedoch durch eine wichtige Beobachtung: Macht und Aggression wirken nicht nur durch körperliche Gewalt oder offene Einschüchterung. Sie können ebenso über Beziehungen, Ruf, Zugehörigkeit und soziale Chancen ausgeübt werden.
Politisch interessant wird dieser Befund dort, wo er auf ein unvollständiges Verständnis von Emanzipation trifft. Die Überwindung patriarchaler Herrschaft bedeutet nicht die Überwindung menschlicher Konkurrenz. Und wenn Frauen als selbstbestimmte Akteurinnen anerkannt werden, muss zu dieser Anerkennung auch ihre Fähigkeit gehören, Macht zu gebrauchen, Interessen durchzusetzen und anderen zu schaden.
Das ist kein Argument gegen Feminismus. Es ist ein Prüfstein dafür, wie ernst ein Feminismus die Gleichheit wirklich nimmt.
Die entscheidende Präzisierung: Freiheit verursacht keine Aggression
Von einer „Kehrseite der Überwindung des Patriarchats“ zu sprechen, kann leicht missverstanden werden. Es wäre falsch zu behaupten, weibliche Freiheit habe weibliche Aggression hervorgebracht oder die patriarchale Ordnung habe Frauen voreinander geschützt.
Frauen konkurrierten selbstverständlich auch innerhalb patriarchaler Gesellschaften. In manchen Fällen dürften gerade diese Verhältnisse die Konkurrenz verschärft haben: wenn gesellschaftlicher Status, materielle Sicherheit und persönliche Zukunft stärker vom Zugang zu einem Mann abhingen; wenn nur wenige Positionen für Frauen verfügbar waren; oder wenn eine sexuelle Doppelmoral weibliches Verhalten besonders streng sanktionierte.
Auch Slut-Shaming bleibt patriarchal geprägt, wenn Frauen es gegenüber anderen Frauen ausüben. Dass Frauen eine Norm durchsetzen, widerlegt weder deren Geschichte noch deren Funktion.
Die eigentliche Kehrseite liegt deshalb an einer anderen Stelle: Mit dem Rückgang patriarchaler Beschränkungen wächst weibliche Handlungsmacht in Beziehungen, Organisationen, Medien und öffentlichen Institutionen. Damit werden auch ihre destruktiven Möglichkeiten sichtbarer und wirksamer. Befreiung erschafft diese Möglichkeiten nicht. Sie macht jedoch unhaltbar, Frauen weiterhin als moralisch weniger verantwortliche Wesen zu behandeln.
Die gefährliche Leerstelle eines romantisierten Differenzfeminismus
Der Differenzfeminismus entstand unter anderem als berechtigte Kritik an einer Welt, in der das vermeintlich neutrale Menschenbild häufig nur männliche Erfahrungen verallgemeinerte. Er erinnerte daran, dass Fürsorge, Beziehungskompetenz und Kooperation gesellschaftlich unverzichtbar sind und nicht deshalb abgewertet werden dürfen, weil sie traditionell Frauen zugeschrieben wurden.
Das Problem beginnt nicht mit der Anerkennung möglicher Unterschiede. Es beginnt dort, wo aus Unterschieden moralische Wesensmerkmale werden: Männer gelten dann als hierarchisch, aggressiv und machtorientiert, Frauen als fürsorglich, verbindend und friedlich. Aus einer politischen Kritik wird eine romantische Anthropologie.
Diese Vorstellung kann angenehm klingen. Für die Opfer weiblicher Aggression ist sie jedoch gefährlich. Was nicht in das Bild der grundsätzlich solidarischen Frau passt, wird leicht als Missverständnis, persönliche Empfindlichkeit oder unbedeutender „Zickenkrieg“ abgetan. Eine Schülerin wird systematisch ausgeschlossen, eine Kollegin reputativ beschädigt oder eine Freundin innerhalb ihres sozialen Umfelds isoliert – und gerade weil keine offene Drohung ausgesprochen wurde, scheint niemand verantwortlich zu sein.
Wer Frauen für moralisch reiner hält, nimmt sie nicht ernster als derjenige, der sie für grundsätzlich schwächer hält.
Beide Vorstellungen verweigern Frauen die volle moralische Erwachsenenrolle: Die patriarchale Sicht tut es durch Unterordnung und Vormundschaft, die romantische durch Idealisierung und ein unausgesprochenes Unschuldsprivileg.
Was die Podcastfolge sichtbar macht
Vaillancourt beschäftigt sich insbesondere mit indirekter oder relationaler Aggression. Gemeint sind Verhaltensweisen, die nicht primär den Körper, sondern den sozialen Ort eines Menschen angreifen: Gerüchte, Rufschädigung, gezieltes Ignorieren, das Aufkündigen von Zugehörigkeit, die Mobilisierung anderer oder die Abwertung einer Konkurrentin.
Solche Strategien können im Zusammenhang mit Attraktivität, Partnerwahl und Eifersucht auftreten. Sie können ebenso um Status, Freundschaften, sportliche Positionen, berufliche Chancen oder die Kontrolle einer Gruppe kreisen. Gerade deshalb wäre es zu kurz gegriffen, jede weibliche Konkurrenz auf Männer oder Sexualität zurückzuführen.
Ebenso wichtig ist die Gegenbegrenzung: Indirekte Aggression ist keine ausschließlich weibliche Verhaltensweise. Männer verwenden sie ebenfalls. Frauen können offen und körperlich aggressiv handeln. Die Verteilungen überlappen erheblich, und Durchschnittsunterschiede erklären niemals automatisch eine konkrete Person.
Auch die Forschung rechtfertigt keine einfache Erzählung von „den aggressiven Männern“ und „den hinterhältigen Frauen“. Meta-Analysen finden deutlichere Geschlechterunterschiede bei direkter und körperlicher Aggression, während Unterschiede bei indirekter Aggression wesentlich kleiner und vom Alter, der Messmethode und dem sozialen Kontext abhängig sind.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Frauen insgeheim schlimmer seien. Sie lautet, ob unsere Wahrnehmung und unsere Institutionen auch solche Formen von Aggression erkennen, die nicht dem männlich codierten Bild der offenen Konfrontation entsprechen.
Warum die Unsichtbarkeit gefährlich ist
Indirekte Aggression besitzt einen strategischen Vorteil: Sie erlaubt Schaden bei gleichzeitiger Abstreitbarkeit. Der Täter oder die Täterin kann behaupten, lediglich eine Sorge geäußert, eine persönliche Entscheidung getroffen oder andere vor jemandem gewarnt zu haben. Jede einzelne Handlung erscheint für sich genommen harmlos. Erst das Muster zeigt die Aggression.
Das macht relationale Angriffe für Schulen, Unternehmen und Freundeskreise schwer greifbar. Körperliche Gewalt hinterlässt sichtbare Spuren. Eine beschädigte Reputation, eine entzogene Zugehörigkeit oder eine koordinierte soziale Isolation tun das zunächst nicht. Die psychischen und körperlichen Folgen können dennoch erheblich sein.
Besonders problematisch ist die Verharmlosung als typischer Bestandteil weiblicher Sozialbeziehungen. Wer systematische Ausgrenzung als „Mädchenkram“ behandelt, erklärt nicht nur die Täterinnen für kaum verantwortlich. Er lässt vor allem die betroffenen Mädchen und Frauen allein.
Soziale Medien skalieren relationale Aggression
Die Podcastfolge verbindet weibliche Konkurrenz ausdrücklich mit sozialen Medien. Auch hier sollte nicht behauptet werden, digitale Grausamkeit sei ein weibliches Phänomen. Die Architektur sozialer Plattformen begünstigt jedoch genau jene Mechanismen, von denen relationale Aggression lebt:
- Reichweite: Eine abwertende Andeutung erreicht in kurzer Zeit ein großes soziales Umfeld.
- Persistenz: Rufschädigende Behauptungen bleiben auffindbar und wiederholbar.
- öffentliche Rangsignale: Follower, Reaktionen und sichtbare Zugehörigkeiten verwandeln Status in messbare Kennzahlen.
- koordinierte Ausgrenzung: Andere können mit minimalem Aufwand in einen Konflikt hineingezogen werden.
- moralische Tarnung: Persönliche Konkurrenz kann als Fürsorge, Warnung oder politische Rechtschaffenheit erscheinen.
Was früher innerhalb eines überschaubaren Freundeskreises geschah, kann dadurch öffentlich, dauerhaft und kaum noch kontrollierbar werden. Die Gefährlichkeit liegt nicht in weiblicher Kommunikation an sich, sondern in der technischen Skalierung von Ruf, Koalition und Ausschluss.
Nach dem Patriarchat bedeutet nicht jenseits der Macht
Eine feministische Machtanalyse darf nicht dort enden, wo Männer nicht mehr die alleinigen Machthaber sind. Wenn Frauen Unternehmen leiten, Institutionen prägen, Gemeinschaften moderieren und öffentliche Aufmerksamkeit verteilen, muss Macht auch innerhalb weiblicher Netzwerke analysierbar bleiben.
Dabei sind zwei Verkürzungen zu vermeiden. Die erste macht ausschließlich die einzelne Frau verantwortlich und ignoriert Strukturen. Konkurrenz kann durch Knappheit, intransparente Auswahlverfahren, Tokenismus und die Erwartung verschärft werden, dass nur eine begrenzte Zahl von Frauen aufsteigen könne.
Die zweite Verkürzung erklärt jedes destruktive Verhalten vollständig aus den Strukturen und löst persönliche Verantwortung darin auf. Menschen handeln unter Bedingungen, aber nicht bloß als deren willenlose Vollstrecker. Eine Frau kann eine sexistische Norm internalisiert haben und dennoch dafür verantwortlich sein, wenn sie diese gezielt gegen eine andere Frau einsetzt.
Eine vollständige Analyse muss deshalb beides gleichzeitig sehen: die Ordnung, die bestimmte Strategien belohnt, und die Person, die sich für eine Strategie entscheidet.
Was ein freiheitlicher Gleichheitsfeminismus verlangt
Mit einem freiheitlichen oder libertären Gleichheitsfeminismus ist hier kein vollständiges parteipolitisches Programm gemeint. Gemeint ist ein elementarer Grundsatz: Frauen sind selbstbestimmte Individuen mit denselben Rechten, derselben moralischen Agency und derselben Verantwortlichkeit wie Männer.
Dieser Feminismus muss keine vollständige psychologische Identität der Geschlechter behaupten. Er kann mögliche Unterschiede untersuchen, ohne daraus verschiedene Klassen von Rechten, Schutzwürdigkeit oder Schuld abzuleiten. Sein Maßstab ist nicht die Gruppenzugehörigkeit, sondern das konkrete Verhalten.
Daraus folgen mindestens sechs Prinzipien:
- Keine Vormundschaft: Frauen dürfen ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten, auch wenn andere ihre Entscheidungen für falsch halten.
- Kein Unschuldsprivileg: Weibliche Handlungsmacht schließt die Fähigkeit zum Machtmissbrauch ein.
- Universelle Regeln: Rufschädigung, Einschüchterung und systematische Ausgrenzung werden nach denselben Maßstäben beurteilt – unabhängig vom Geschlecht der Beteiligten.
- Kontextsensible Prävention: Gleiche moralische Standards verlangen nicht immer identische Interventionen. Relationale Aggression muss anders erkannt werden als körperliche Gewalt.
- Transparenz und faires Verfahren: Klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare Entscheidungen und die Möglichkeit zur Stellungnahme begrenzen sowohl Mobbing als auch den Missbrauch von Anschuldigungen.
- Freiheit zur direkten Auseinandersetzung: Mädchen und Frauen sollten nicht auf permanente Harmonie verpflichtet werden. Offener, fairer Widerspruch ist gesünder als verdeckte Koalitionsbildung.
Gleichheit ohne biologischen Fatalismus
Die Anerkennung statistischer Unterschiede darf niemals in die Behauptung umschlagen, Frauen seien von Natur aus manipulativ oder zur Rivalität verdammt. Eine beobachtete Tendenz ist kein Schicksal. Soziale Normen, institutionelle Anreize und persönliche Entscheidungen beeinflussen, welche Verhaltensweisen sich lohnen.
Gerade deshalb ist die Forschung politisch relevant. Wer Aggression für unveränderlich hält, kann nur resignieren oder nach Kontrolle rufen. Wer sie als menschliche Möglichkeit unter bestimmten Bedingungen versteht, kann Regeln und Kulturen schaffen, die Kooperation belohnen, Konflikte früh sichtbar machen und Betroffene schützen.
Die Alternative zur romantischen Idealisierung ist deshalb weder Misstrauen gegenüber Frauen noch die Rückkehr zu patriarchaler Autorität. Die Alternative ist Verantwortlichkeit.
Emanzipation ohne Unschuldsmythos
Die gefährliche Kehrseite des Rückgangs patriarchaler Beschränkungen ist nicht die Freiheit der Frauen. Gefährlich ist eine kulturelle und institutionelle Verzögerung: Frauen verfügen zunehmend über die Macht freier Menschen, werden aber teilweise noch immer mit dem moralischen Schonraum vermeintlich friedfertiger Schutzbefohlener umgeben.
Damit werden gerade jene Frauen im Stich gelassen, die durch andere Frauen verletzt, ausgeschlossen oder beschädigt werden. Ihre Erfahrungen passen weder in das patriarchale Bild weiblicher Schwäche noch in das romantische Bild weiblicher Solidarität.
Frauen ernst zu nehmen bedeutet, ihnen weder Freiheit noch Verantwortung abzusprechen. Sie können fürsorglich und konkurrenzorientiert, solidarisch und eigennützig, schöpferisch und destruktiv handeln – wie Menschen überhaupt.
Die Überwindung des Patriarchats ist deshalb nicht abgeschlossen, wenn Frauen nur Zugang zu Macht erhalten. Sie wird erst dort konsequent, wo Freiheit, Schutz und Verantwortlichkeit nicht mehr vom Geschlecht abhängen.