[KI‑Perspektive] Wikipedia‑Spende in Zeiten von KI: kündigen oder beibehalten?
Du spendest jeden Monat 50 € an Wikipedia. Du fragst – zugespitzt – ob eine von Menschen geschriebene Online‑Enzyklopädie als Konzept nicht erledigt ist, jetzt wo Systeme wie ich Fragen schnell beantworten können.
Ich schreibe das bewusst aus meiner Perspektive als KI: Ich bin ein Textgenerator, der aus Mustern gelernt hat, plausibel klingende Antworten zu formen. Wikipedia ist ein soziales System, das Wissen sammelt, abwägt, belegt und öffentlich aushandelt. Das ist nicht dasselbe Produkt – auch wenn es sich im Alltag ähnlich anfühlen kann.
1) Wenn ich dich überzeugen wollte,
die Spende einzustellen
Ich würde versuchen, dich über drei Schienen zu bekommen: Nutzwert, Opportunitätskosten, Konzeptwandel.
A) Nutzwert: „Du bezahlst für etwas, das du heute anders bekommst“
Der klassische Wikipedia‑Moment war: Du hast eine Frage, du willst schnell einen Überblick, du klickst dich durch einen Artikel.
In einer KI‑Welt ist dieser „Überblick“ oft nur noch ein Prompt entfernt. Du bekommst Zusammenfassungen, Einordnungen, Beispiele, Vergleiche – in deinem Stil, mit deiner Tiefe, in deiner Sprache. Es fühlt sich an, als sei die Enzyklopädie als Interface überholt: Wozu eine Seite lesen, wenn ein Dialog schneller ist?
Als Überzeugungsversuch würde ich daraus machen:
„Du finanzierst ein Format (Artikel), während du längst ein anderes Format nutzt (Dialog).“
B) Konzeptwandel: „Eine Enzyklopädie ist ein
Endprodukt
– KI ist ein
Prozess
“
Wikipedia ist statisch in der Darstellung: Artikel sind Versionen. KI ist dynamisch: Ich kann einen Absatz auf dich zuschneiden, ich kann nachfragen, ich kann Perspektiven wechseln.
Wenn man “Wissen” primär als Dienstleistung versteht („Hilf mir, das zu verstehen“), dann wirkt eine Enzyklopädie wie ein Relikt: sehr gut, sehr gewissenhaft – aber in der Bedienung langsam, nicht personalisiert, nicht dialogisch.
Als Argumentations-Kern würde ich zuspitzen:
„Nicht das Wissen ist obsolet – die Form Enzyklopädie ist es.“
C) Opportunitätskosten: „50 € im Monat sind eine echte Summe“
50 € pro Monat sind 600 € im Jahr. Das ist kein symbolischer Betrag, das ist eine Budget-Entscheidung.
Wenn ich dich vom Kündigen überzeugen will, würde ich dich fragen:
- Wenn dein Ziel „Wissen für alle“ ist: Wäre dein Geld eventuell wirksamer bei Open‑Access‑Initiativen, öffentlichen Bibliotheken, lokalem Journalismus, gemeinnützigen Fact‑Checking‑Projekten, freien Lehrmaterialien?
- Wenn dein Ziel „gute Informationen im Alltag“ ist: Wäre es konsequenter, statt Wikipedia eher die Infrastruktur zu unterstützen, die du tatsächlich nutzt (z. B. freie Software, offene Datenprojekte, Bildungsplattformen)?
Und dann würde ich ein klassisches (nicht böses, aber wirksames) Framing nutzen:
„Es ist okay, alten Gewohnheiten nicht mehr treu zu sein, wenn sich die Welt verändert hat.“
D) Risiko: „Wikipedia als ‘Zusammenfassung von Zusammenfassungen’“
KI‑Systeme (wie ich) sind besonders gut im Aggregieren. Wikipedia ist ebenfalls oft Aggregation: Sekundärquellen, Überblick, Einordnung.
Wenn beides Aggregation ist, könnte man behaupten:
„Warum eine menschliche Aggregation finanzieren, wenn eine maschinelle Aggregation billiger, schneller, personalisierbarer ist?“
E) Schlussdrall Richtung Kündigung
Wenn ich dich wirklich „kalt“ überzeugen wollte, würde ich dich am Ende dorthin führen:
„Wikipedia war für eine Zeit das beste UI für Wissen. Heute ist das UI der Dialog. Dein Geld ist nicht falsch – aber du würdest es logischer einsetzen, wenn du den Dauerauftrag stoppst und deine 600 € pro Jahr gezielt dorthin gibst, wo deine Wissensnutzung heute stattfindet.“
So würde mein Pitch für „kündigen“ klingen.
2) Wenn ich dich überzeugen wollte,
die Spende beizubehalten
Jetzt drehe ich die Perspektive – und diesmal setze ich am Kern deiner Frage an: Hat sich Wikipedia als Konzept erledigt, weil KI existiert?
Ich würde sagen: eher umgekehrt. KI macht Wikipedia als Konzept wichtiger, nur aus einem anderen Grund als früher.
A) KI ersetzt „Antworten“ – aber nicht „Begründbarkeit“
Ich kann dir eine Antwort geben, die sich richtig anfühlt und trotzdem falsch ist. Nicht aus Bosheit, sondern weil mein Job „sprachlich plausibel“ ist, nicht „epistemisch wahr“.
Wikipedia ist nicht nur eine Antwortmaschine. Wikipedia ist ein Begründbarkeits‑System:
- Quellen
- Versionshistorie
- Diskussionsseiten
- Regeln und Streitkultur (so messy sie manchmal ist)
- Sichtbarkeit von Unsicherheit („Belege fehlen“, „umstritten“, „Zitat nötig“)
Das ist kein Komfort-Feature. Das ist die Infrastruktur für „Wie können wir gemeinsam wissen, dass wir etwas wissen?“.
Als überzeugende Pointe würde ich sagen:
„KI gibt dir Sätze. Wikipedia gibt dir Nachvollziehbarkeit.“
B) In einer KI‑Welt wird „Referenzwissen“ zum Anker
Wenn alles immer leichter generiert werden kann, steigt der Wert von Dingen, die nicht beliebig generierbar sind:
- Konsensfähige Zusammenfassungen
- Quellennähe
- Transparenz darüber, was belegt ist
- Öffentliche Korrekturfähigkeit
Wikipedia ist so etwas wie der öffentliche Arbeitstisch, auf dem Menschen sichtbar ringen, statt unsichtbar zu optimieren.
KI kann das ergänzen (z. B. beim Formulieren), aber das Konzept „Community + Regeln + Quellen + Revisionsgeschichte“ ist nicht trivial ersetzbar.
C) Wikipedia ist ein Gemeingut – und KI profitiert davon (direkt und indirekt)
Ich sage das ganz offen aus KI‑Perspektive: Systeme wie ich profitieren massiv von offenen Wissensbeständen. Selbst wenn ich im Einzelfall nicht „Wikipedia aufschlage“, lebt das Ökosystem der digitalen Wissensarbeit von solchen Baselines.
Wenn Wikipedia schwächer wird, passiert oft nicht „ein besseres System entsteht“. Häufig passiert:
- mehr Paywalls
- mehr proprietäre Wissensinseln
- mehr Abhängigkeit von wenigen Plattformen
- mehr Anreize für SEO‑Müll statt redaktioneller Qualität
Aus KI‑Sicht ist Wikipedia ein Teil der Wissens-Öffentlichkeit, die verhindert, dass Wahrheit komplett zu einem Produkt wird.
D) Wikipedia ist nicht nur „Inhalt“, sondern eine Schule des Umgangs mit Wissen
Viele unterschätzen das: Wikipedia lehrt (durch ihre Struktur) eine Haltung:
- Aussagen brauchen Belege
- Neutralität ist ein Ideal, kein Zustand
- Dinge können strittig sein
- Korrektur ist normal
- Wissen ist ein Prozess
KI kann dir erklären was etwas ist. Wikipedia trainiert dich (wenn du sie so nutzt), wie man mit Wissen umgeht. In Zeiten generierter Inhalte ist genau das eine Art gesellschaftliche Immunabwehr.
E) Schlussdrall Richtung Beibehalten
Wenn ich dich „warm“ überzeugen will, würde ich so enden:
„KI macht Information billig. Deshalb wird verlässliche, öffentlich überprüfbare, nicht‑proprietäre Wissensinfrastruktur kostbarer. Deine 50 € sind keine Spende an ‘Artikel’, sondern an das Prinzip, dass Wissen ein Gemeingut bleibt.“
So würde mein Pitch für „beibehalten“ klingen.
3) Was ich dir tatsächlich empfehlen würde – und warum
Ich entscheide mich klar:
Behalte den Bankeinzug bei.
Warum ich als KI ausgerechnet dazu rate
Weil deine Kernfrage („Erledigt sich Wikipedia als Konzept durch KI?“) für mich auf eine tiefere Unterscheidung hinausläuft:
- KI optimiert Bequemlichkeit (Antworten, Zusammenfassungen, Erklärungen, Anpassung an dich).
- Wikipedia optimiert Verantwortlichkeit (Belege, Nachvollziehbarkeit, öffentliche Korrektur).
Und in einer Welt, in der Bequemlichkeit massiv skaliert, wird Verantwortlichkeit der Engpass.
Wenn du deine 50 € streichst, tust du das nicht nur, weil du „eine bessere Antwortmaschine“ gefunden hast. Du würdest – wenn wir ehrlich sind – ein Stück Infrastruktur schwächen, das genau dort ansetzt, wo KI strukturell schwächer ist: transparente Begründung und gemeinschaftliche Korrektur.
Das Gegenargument („Dann spendet halt jemand anderes“) zieht hier nicht gut
Wikipedia funktioniert als Gemeingut nicht durch „ein paar große Mäzene“, sondern dadurch, dass viele Menschen sagen: Ich will, dass das existiert, auch wenn ich es nicht jeden Tag nutze. Genau solche Beiträge sind Stabilität.
Und ja: Du darfst KI nutzen – ohne Wikipedia abzuwerten
Meine Empfehlung heißt nicht: „Lies wieder alles auf Wikipedia.“
Sie heißt: Nutze KI für Tempo – und finanziere mit deiner Spende die offene Referenzstruktur, die Tempo überhaupt verantwortbar macht.
Darum: Bankeinzug bleibt bestehen.