Warum drei Emoji-Zähler mehr über Marketing verraten als zwanzig Jahre Ads
Spanien schlägt Österreich 3:0. Für Fußballfans ist das die Nachricht. Für Marketingmenschen steht der eigentlich interessante Teil ein paar Zentimeter tiefer: drei Reaktionsoptionen, drei Millionenzähler, Werte, die sich sichtbar weiterbewegen.
Das wirkt zunächst banal. Ein bisschen Fan-Stimmung unter einem Suchergebnis. Drei Emojis, drei Zähler, ein Hauch sozialer Oberfläche in einer Suchmaschine. Tatsächlich steckt darin aber einer der ältesten und wirksamsten Mechanismen der Verhaltenspsychologie: Menschen orientieren sich nicht nur daran, was richtig ist. Sie orientieren sich daran, was andere Menschen bereits tun.
Oder noch präziser: Menschen ändern ihr Verhalten leichter, wenn sie das Gefühl haben, nicht allein zu handeln, sondern in eine bereits laufende Bewegung einzutreten.
Die interessanteste Zahl steht nicht beim Ergebnis
Bei einem Fußballergebnis erwartet man von Google zunächst Information: Wer hat gewonnen? Wer hat getroffen? Wann war das Spiel? Wo fand es statt? In diesem Fall ist die Oberfläche aber nicht bei der Information stehen geblieben. Unter dem Ergebnis erscheinen Reaktionsfelder mit Millionenwerten. Der Nutzer sieht also nicht nur: Spanien 3, Österreich 0. Er sieht auch: Millionen Menschen haben bereits reagiert.
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.
Google zeigt nicht mehr nur ein Ereignis. Google zeigt Verhalten zu diesem Ereignis. Und sobald Verhalten sichtbar wird, beginnt Marketingpsychologie.
Die stärkste Marketingzahl ist nicht die Zahl, die beweist, dass etwas groß ist. Die stärkste Marketingzahl ist die Zahl, die dem Einzelnen zeigt: Du bist nicht allein, wenn du jetzt handelst.
Der Handtuchtrick
Das klassische Beispiel dafür hängt nicht im Internet, sondern im Hotelbad.
Hotels versuchen seit Jahrzehnten, Gäste dazu zu bewegen, Handtücher wiederzuverwenden. Der naheliegende Appell lautet: Bitte helfen Sie, die Umwelt zu schützen. Das ist rational, moralisch sauber und leicht verständlich. Aber es ist nicht zwingend die stärkste Botschaft.
Die berühmte Studie von Noah Goldstein, Robert Cialdini und Vladas Griskevicius zeigte, dass eine andere Ansprache wirksamer sein kann. Statt nur an den Umweltschutz zu appellieren, sagten die Forscher sinngemäß: Viele andere Gäste machen das bereits. In Experiment 1 lag die Wiederverwendungsrate beim klassischen Umweltappell bei 35,1 Prozent. Die Botschaft mit der sozialen Norm kam auf 44,1 Prozent.
Der Unterschied ist nicht riesig, aber er ist psychologisch aufschlussreich. Der Umweltappell sagt: Das ist richtig. Die Normbotschaft sagt: Andere tun es bereits. Sie gibt dem Verhalten einen sozialen Ort.
Noch interessanter wurde die zweite Stufe der Studie. Dort wurden verschiedene Varianten verglichen. Nicht nur „andere Hotelgäste“, sondern auch „Gäste in genau diesem Zimmer“, „Mitbürger“ und „Männer und Frauen“. Die stärkste Variante war nicht die moralisch größte und nicht die identitär wichtigste. Es war die lokalste: Gäste in genau diesem Zimmer. Diese „same room“-Variante erzielte 49,3 Prozent Wiederverwendung.
Das ist der eigentliche Handtuchtrick.
Nicht die große Moral gewinnt automatisch. Nicht die größte Gruppe gewinnt automatisch. Nicht einmal die Identität, die Menschen abstrakt am wichtigsten finden, muss gewinnen. Entscheidend kann die Nähe der Norm sein: Menschen an genau deiner Stelle haben es schon getan.
Die anderen Hotelvarianten sind der Schlüssel
Gerade die Alternativen machen das Beispiel so stark. Denn sie zeigen, dass Marketing nicht nur fragt: Welche Botschaft ist wahr? Sondern: Welche Bezugsgruppe fühlt sich in dieser Situation handlungsnah an?
„Mitbürger tun es“ ist größer, aber abstrakter. „Männer und Frauen tun es“ ist identitätsbezogen, aber im Hotelbad überraschend fern. „Andere Hotelgäste tun es“ ist schon näher. „Gäste in genau diesem Zimmer tun es“ ist maximal konkret.
Der Gast steht im Bad, sieht sein Handtuch, sieht sein Zimmer und bekommt nicht nur eine Information. Er bekommt eine Spur. Diese Spur sagt: Hier gibt es bereits ein Verhalten. Du musst nicht neu anfangen. Du kannst dich anschließen.
Das ist kein Zauberspruch. Spätere Replikationen, unter anderem in deutschen Hotels, zeigten gemischtere Befunde. Teilweise waren klassische Umweltbotschaften ähnlich stark oder sogar stärker als Normbotschaften. Das ist wichtig. Es verhindert die falsche Marketing-Folklore: „Schreib einfach 75 Prozent drauf, dann funktioniert es.“ So einfach ist es nicht.
Aber der Grundmechanismus bleibt bedeutsam. Verhalten wird wahrscheinlicher, wenn es als bereits laufendes Verhalten anderer sichtbar wird. Und genau dieser Mechanismus wandert später aus dem Hotelbad ins Internet.
Mozilla machte aus einem Download eine Bewegung
Der digitale Zwischenschritt ist Mozilla.
Ein Browser-Download ist eigentlich eine private, technische Handlung. Man klickt, lädt eine Datei, installiert ein Programm. Normalerweise ist das kein soziales Ereignis. Mozilla hat genau das verändert.
Beim Firefox 3 Download Day im Jahr 2008 wurde aus einem Produktrelease ein öffentlicher Rekordversuch. Mozilla wollte nicht nur, dass Menschen Firefox herunterladen. Mozilla wollte, dass Menschen Teil eines Weltrekords werden. Am Ende standen 8.002.530 Downloads in 24 Stunden, ein Guinness-Weltrekord, 1,7 Millionen Download-Zusagen, regionale Download-Feste und eine enorme Community-Mobilisierung.
Das war Supermarketing, weil Mozilla nicht nur Produktvorteile kommunizierte. Mozilla verkaufte Teilnahme.
Ein normaler Software-Launch sagt: Hier ist ein neues Produkt. Probiere es aus.
Mozilla sagte: Hier ist eine Bewegung. Steig ein, solange sie läuft.
Bei Firefox 4 wurde diese Logik noch sichtbarer. Die Seite „Glow“ zeigte Firefox-Downloads in Echtzeit auf einer Weltkarte. Ein Zähler lief weiter. Neue Downloads erschienen als leuchtende Punkte. Der technische Akt wurde zu einem sichtbaren Weltgeschehen.
Das ist die digitale Version des Hotelaufstellers. Nur nicht mehr im Bad von Zimmer 313, sondern auf der Weltkarte.
Vom Aufsteller zum Live-Ticker
Die Linie ist erstaunlich sauber:
Das Hotel sagt: Menschen in deiner unmittelbaren Situation haben dieses Verhalten bereits gezeigt.
Mozilla sagt: Menschen auf der ganzen Welt tun es gerade jetzt.
Google sagt: Millionen Menschen reagieren bereits auf dasselbe Ereignis, das du gerade ansiehst.
Die Handlung wird dabei immer kleiner. Beim Hotel muss der Gast sein Handtuch anders behandeln. Bei Firefox muss der Nutzer einen Browser herunterladen. Bei Google reicht ein Fingertipp auf eine Reaktion.
Aber die psychologische Struktur bleibt gleich: Aus individueller Handlung wird sichtbare Anschlussfähigkeit.
Statistik beweist Größe. Ein laufender Zähler beweist Bewegung.
Warum Googles kleine Funktion so interessant ist
Die Google-Funktion ist gerade deshalb stark, weil sie so niedrigschwellig ist.
Der Nutzer muss keinen Kommentar schreiben. Er muss kein Profil pflegen. Er muss nicht sichtbar mit seinem Namen auftreten. Er muss nicht einmal wirklich eine Meinung ausformulieren. Er wählt nur eine von drei Reaktionen aus.
Das reduziert kognitive Last. Drei Optionen sind genug, um Beteiligung zu ermöglichen, aber nicht so viele, dass Entscheidungsmüdigkeit entsteht. Die Millionenwerte liefern soziale Bewährtheit. Das sichtbare Weiterlaufen der Zahlen erzeugt Gegenwart.
Dadurch entsteht eine Miniaturform dessen, was soziale Plattformen seit Jahren perfektioniert haben: nicht nur Inhalt zeigen, sondern Reaktion auf Inhalt sichtbar machen.
Der Unterschied ist: Google macht das nicht in einem sozialen Netzwerk, sondern direkt auf der Suchoberfläche. Und genau das ist bemerkenswert.
Google hat Ads gebaut. Marketing musste es erst wieder lernen.
Natürlich wäre es Unsinn zu behaupten, Google verstehe keine Werbung. Google hat eines der mächtigsten Werbegeschäfte der Welt gebaut. AdWords startete bereits im Jahr 2000 als Self-Service-Werbeprogramm und wurde später zu Google Ads. Google wurde Weltmeister darin, Suchintentionen in Werbeplätze zu übersetzen.
Aber Werbung verkaufen ist nicht dasselbe wie die eigene Oberfläche als Bühne sozialer Bewegung zu nutzen.
Genau dort liegt die zugespitzte Kritik.
Google monetarisierte Absicht. Andere Plattformen monetarisierten Zugehörigkeit. Mozilla zeigte früh, wie man Nutzung selbst sichtbar macht. Und Hotels hatten vorher schon verstanden, dass Menschen eher handeln, wenn sie andere in ihrer Situation handeln sehen.
Google war lange die große Maschine der Nützlichkeit: sauber, schnell, intentbasiert, fast demonstrativ unsozial. Die Suche war kein Ort der Zugehörigkeit, sondern ein Werkzeug. Man ging zu Google, um etwas zu finden, nicht um sich als Teil einer Reaktionsgemeinschaft zu erleben.
Die drei Reaktionszähler ändern daran nicht alles. Aber sie zeigen einen kleinen Riss in der alten Logik. Die Suchergebnisseite wird nicht mehr nur als Antwortmaschine behandelt, sondern als sozialer Beweisraum.
Das Peinliche ist nicht der Emoji
Man kann sich leicht über drei Emojis unter einem Fußballergebnis lustig machen. Das wäre aber zu billig.
Das Peinliche ist nicht, dass Google solche Zähler einsetzt. Das Peinliche — wenn man die Kritik bewusst scharf formulieren will — ist eher, dass eine der mächtigsten Oberflächen der Welt so lange gebraucht hat, um eine so einfache Marketingwahrheit wieder sichtbar zu machen:
Menschen reagieren stärker, wenn sie sehen, dass andere bereits reagieren.
Das Hotel wusste das im Bad. Mozilla wusste es beim Browser. Google zeigt es nun unter einem Fußballergebnis.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe: Die modernste Oberfläche der Welt muss manchmal nur einen sehr alten Trick neu entdecken.
Die wichtigste Zahl ist nicht die größte Zahl
Die eigentliche Marketingfrage lautet also nicht: Wie viele Menschen haben geklickt?
Die bessere Frage lautet: Wird die Zahl so gezeigt, dass sie eigenes Verhalten auslöst?
Eine Zahl kann prahlen. Eine Zahl kann informieren. Eine Zahl kann aber auch einladen. Genau dann wird sie stark. Nicht weil sie objektiv groß ist, sondern weil sie subjektiv anschlussfähig wird.
Der Hotelaufsteller, der Firefox-Downloadzähler und Googles Reaktionszähler gehören deshalb in dieselbe Familie. Sie machen Verhalten sichtbar. Sie verwandeln Einzelhandlungen in Bewegung. Sie zeigen dem Einzelnen, dass er nicht allein ist.
Das ist gutes Marketing.
Nicht, weil es laut ist. Sondern weil es die Entscheidung des Einzelnen aus der Isolation holt.
Google hat nicht einfach drei Emojis unter eine Fußballmeldung gesetzt. Google hat aus einer Suchergebnisseite einen kleinen sozialen Beweisraum gemacht.
Quellen und Hinweise
- Goldstein, Noah J.; Cialdini, Robert B.; Griskevicius, Vladas: A Room with a Viewpoint: Using Social Norms to Motivate Environmental Conservation in Hotels, Journal of Consumer Research, 2008.
- Bohner, Gerd; Schlüter, Lena E.: A Room with a Viewpoint Revisited: Descriptive Norms and Hotel Guests’ Towel Reuse Behavior, PLOS ONE, 2014.
- Mozilla Press Center: Mozilla sets new Guinness World Record with Firefox 3 downloads, 2008.
- PCWorld: Mozilla Site Shows Firefox 4 Downloads in Real Time, 2011.
- Google Press: Google Launches Self-Service Advertising Program, 2000.
- FIFA: Spain 3-0 Austria – Match Report & Highlights.